[Essenz der Götter] 1. Kapitel

Leseprobe zu „Essenz der Götter I“

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Prolog

 

Jahrelang hat sie sich gewehrt hierher zu kommen. Zu Leuten, die behaupten, wie sie zu sein. Doch nun steht sie hier, mitten unter ihresgleichen und alle starren sie mit neugierigen Blicken an. Als sie in all die fremden Gesichter um sich herum blickt, bezweifelt sie, dass ihr viele wohlgesonnen sind. Aus ihren Augen ist das Gegenteil zu lesen. Aber das ist nicht das Schlimmste, sondern die Stimmung die über dem Lager liegt. Loreen kann es fühlen bis ins Mark – sie trauen ihr nicht, kein bisschen. Aber wer könnte ihnen das verübeln, nachdem sie damals abgehauen ist und sie im Stich gelassen hat?

Auf keinen Fall werde ich Schwäche zeigen, das können sie sich abschminken! Unter den Argusaugen der Schaulustigen nähern sie sich dem Zentrum des Dorfes. Oder der Insel? – Was auch immer, sie hat keine Ahnung. Genau weiß sie noch nicht, wo sie sich befinden, aber das wird sie schon noch herausfinden – und zwar bald.

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Damals

 

1. Kapitel

 

Loreen

Bereits seit Wochen war sie in diesem elenden Kinderheim und hielt es fast nicht mehr aus. Ihr Leben war ein einziger Scherbenhaufen und jetzt, wo alles, was sie brauchte, eine bekannte Umgebung war, hatten die Idioten von Beamten sie mitten ins Nirgendwo in ein Kinderheim geschleppt. In ein Kinderheim, verdammt nochmal! Sie war bereits siebzehn und schon lange kein Kind mehr. Ihre Kindheit hatte genau am zweiten April, einem warmen, sonnigen Tag voller Schmetterlingen und Frühlingsduft geendet. Wer hätte das gedacht? Vor sieben Monaten, sechzehn Tagen und vierzehn Stunden – seitdem war nichts mehr wie zuvor.
Sie war gerade mit Jamie Zuhause gewesen und sie hatten zusammen neben zwei leeren Pizzakartons einen Horrorfilm geguckt, um sich die Zeit zu vertreiben, bis ihre Adoptiveltern, die sie bereits als Baby zu sich genommen hatten, von einem Tagestrip nach Hause kamen. Loreen hatte sich am Vortag mit Händen und Füßen gewehrt, mit auf die langweilige Ausstellung zu fahren, die Bilder von toten Künstlern zeigte. Ihre Mutter hatte zwar ein wenig geschmollt, als sie am Morgen alleine aufbrechen mussten, aber Loreen war zutiefst zufrieden mit sich selbst und ihrer Hartnäckigkeit gewesen. Sie hatte den Tag musizierend auf ihrer Klarinette, mit viel Lesen, Fernsehen und natürlich mit Jamie verbracht. Dann hatten sie gemeinsam auf ihre Eltern gewartet. Nur dass diese nie mehr zurückkamen. Stattdessen hatten um Punkt zehn Uhr abends zwei Polizisten und ein Psychologe an ihrer Tür geklingelt. »Sind sie Ms Earnest, die Tochter von Jill und Howard Earnest?«
Die Männer in Uniform hatten ihr eine Nachricht überbracht, die ihr das gewohnte Leben entrissen und für immer ein paar Schattierungen dunkler gemacht hatte. An den Rest des Abends konnte sie sich nicht mehr genau erinnern. Alles danach war eine verwischte Abfolge von Bildern, Tränen und schmerzhaften Gefühlen gewesen – vor allem Gefühle. Sie hielten ihr Herz noch immer in kalten Gliedern umklammert. Obwohl sie nicht ihre leiblichen Eltern waren, hatten sie ihr immer wieder gezeigt und gesagt, wie sehr sie sie liebten und der Schmerz ihres Verlustes wog unfassbar schwer.

Keine zwei Tage später wurde sie in das Kinderheim im verschlafenen Triptonville beim dunklen Reelfoot Lake gebracht, obwohl sie darauf bestanden hatte in der Nähe von Chicago zu bleiben. Wenn sie schon keine Familie mehr hatte, wollte sie bei der einzigen Konstante in ihrem Leben bleiben – bei ihrem Freund Jamie.
Loreen und er kannten sich bereits, seit sie noch ganz klein waren. Zuerst waren sie Nachbarskinder, dann beste Freunde und zu ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte sie ihren ersten Kuss von ihm bekommen. Natürlich nicht vor allen anderen oder ihren Eltern. Aber als er sich am Abend vor ihrer Haustür verabschiedet hatte, hatte er sie sanft näher gezogen und bevor sie reagieren konnte, hatte sie seine Lippen gespürt. Das war ihr Anfang gewesen. Sie waren auch jetzt noch ein Paar und Loreen wünschte sich bei ihm zu sein, die jahrelange Vertrautheit zu fühlen, auch wenn sie wusste, dass sie jetzt eine andere war als noch vor einigen Monaten. Vor allem vermisste sie sein sommersprossiges Gesicht mit den blauen Augen und den sommerhaften Duft seiner strohblonden Haare.

Doch die Behörden hatten kein Ohr für eine Siebzehnjährige gehabt und schickten sie weg, ohne lange Fragen zu stellen. Nun war sie im Garten des Heimes und blickte, den Kopf auf den Arm gelehnt, Richtung See, dessen ruhige Oberfläche im Licht der Sonne schimmerte. Die glatten Haare flatterten ihr in unruhigen Bewegungen ins Gesicht, als der Herbstwind über die Wiese blies. Genervt, wie sie es seit einer Ewigkeit war, griff sie schnaubend nach den losen Strähnen und wickelte unsanft ein Gummiband darum. Es kümmerte sie nicht, dass sie dabei einige Haare ausriss. Loreen hatte ihre Haare seit jenem Abend nicht mehr gefärbt. Daher glänzten die ersten Zentimeter komplett schwarz, um nach dem Ansatz in ein leuchtendes, dunkles Violett überzugehen. Sie konnte sich nicht mehr um solch unwichtige Dinge kümmern, genauso wenig darum, ihre gebogenen Augenbrauen nachzuzupfen oder auch nur daran zu denken, ihre dunklen Mandelaugen zu schminken. Das wäre zwar eine Unart für die alte, beliebte Loreen gewesen, aber die ›Neue‹ scherte sich einen Dreck um solche Äußerlichkeiten.

Vieles hatte sich verändert, aber was ihr zumindest noch blieb, war ihre Liebe zur Musik.
Seit sie im Heim war, hatte sie mit keinem Jugendlichen Freundschaft geschlossen. Loreen ging ihnen lieber aus dem Weg und nahm nur an den Pflichtveranstaltungen teil. Die restliche Zeit verbrachte sie alleine – trauernd, lesend und vor allem musizierend. Ihre Klarinette und ihr Saxophon waren beides Dinge, die sie fast täglich in die Hand nahm. Die restlichen Sachen in ihrem Zimmer lagen oft tagelang unberührt herum. Zum Glück musste sie das Zimmer seit einigen Wochen nicht mehr teilen, nachdem Loreens Zimmergenossin mit Beginn ihrer Volljährigkeit verschwinden durfte. Seitdem spielte sie oft in ihrem Zimmer, ließ sich vollkommen auf ihre Empfindungen beim Spielen der Instrumente ein und versank in einem Strudel aus Gefühlen und Emotionen. Wenn sie hier im Freien spielte, war sie nie lange allein. Die anderen kamen, um ihrem Spiel zu lauschen und versanken oft mit ihr in der Musik und in den Gefühlen, die diese auslöste; so als ob alle im gleichen Sog der Traurigkeit gefangen wären. Doch die ständige Belagerung und der Blick in die anderen traurigen Gesichter waren Loreen zu viel gewesen. Daher beschränkte sie sich nun darauf, alleine zu spielen – weggesperrt in ihrem Zimmer.

Schweigend und nachdenklich saß sie auf der Wiese, bis es zum Mittagessen läutete. Keine fünf Minuten später rief eine Heimerzieherin ungeduldig ihren Namen. Loreen raffte sich auf und schrie lauthals zurück: »Ich komm‘ ja schon!«

 

***

 

Slash

Sie waren gerade erst angekommen und schon jetzt kam ihm hier alles bizarr vor. Slashious hatte immer wieder Kontakt mit der Welt der normalen Menschen, aber von Mal zu Mal erschien sie ihm eigenartiger. Besonders in den letzten paar Jahren. Nun liefen immer alle mit diesen Dingern durch die Gegend, die sie Handys nannten, tippten darauf herum oder redeten irgendwelches Zeugs rein. Als ob das jemanden interessieren würde.
Slashious mischte sich nicht oft unter Menschen und wenn er einen Auftrag hatte, dann bestand der meist darin, sich abseits von Städten oder Siedlungen in ein Gefecht zu stürzen. Kämpfen war das, was er konnte und was ihm eine Form von Befriedigung verschaffte. Seit einiger Zeit schon, seit damals … Slashious musste die Zähne fest zusammenpressen, bis sie fast knirschten, um seine Gedanken und Gefühle hinunterzuschlucken.
Nicht jetzt, nicht hier! Am liebsten wäre er zu Hause geblieben oder hätte irgendwo gekämpft, auf Schädel eingeschlagen oder ein Messer geschwungen. Aber nein – Pure war für den Auftrag ausgewählt worden und somit saß auch er hier fest.

Ebenso wie Sky, der seinen ersten eigenständigen Auftrag ausführen durfte. Er war schon einige Mal mit Pure, ihm oder anderen auf Missionen gewesen und kannte sich ebenso gut in der Menschenwelt aus wie sie. Bislang war aber immer ein Aufpasser an seiner Seite gewesen, doch nun durfte er weitgehend eigenständig handeln. Sein Vorteil bei dem Auftrag war, dass er das richtige Aussehen hatte, um sich noch als Siebzehnjähriger ausgeben zu können. Das würden sie hier brauchen, um ohne Verdacht zu schöpfen bei den Jugendlichen im Heim herumschnüffeln zu können. Slash und Pure sollten von Seiten der Lehrer Ausschau halten und Sky als einer der Bewohner, um somit schneller ihr Vertrauen zu erlangen.
Sky rempelte ihn absichtlich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht an. »Slash! Jetzt steh hier nicht so rum wie eine Vogelscheuche! Grübeln kannst du nachher auch noch. Los komm, komm, komm! Lass uns die Operation ›Heimkehrer‹ durchführen! Ich bin schon so gespannt wie das wird.«
Sein jugendliches Gesicht erstrahlte voller Vorfreude und Skys grasgrüne Augen blitzen aufgeregt, während seine haselnussbraunen Haare leicht wippten. Slash seufzte und ein bekanntes Pochen kündigte sich in seiner Schläfe an. »Sky, beruhig dich. Erstens hat unsere Operation keinen Namen und wenn, dann bestimmt nichts so Offensichtliches wie ›Heimkehrer‹.«Seufzend schüttelte Slash den Kopf. Irgendjemand musste Skys Übermut dämpfen, um nicht alles zu gefährden. »Zweitens, konzentrier dich und hör auf, wie ein Verrückter herumzuhüpfen. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf uns lenken. Verstanden?«
Sky kam wieder näher an ihn heran und umkreiste Slash . Dabei zupfte er ihn kurz, aber schmerzhaft, an einer seiner schwarzen Dreadlocks, die er mit einem Lederband locker zusammengebunden hatte und die zwischen seinen hellbraunen Schultern lagen. »Verdammt! Sky …«
Hastig schnitt Sky ihm das Wort ab. »Ja, ja, ich weiß, Kumpel. Ruhe und Konzentration. Bla bla bla … Wie oft möchtest du mir das öde Mantra noch vorbeten? Sei nicht so ein Spielverderber. Wir wollen hier auch unseren Spaß haben. Ich weiß, du wolltest lieber einen anderen Auftrag, wo du Ungeheuer töten kannst und viel Blut spritzt. Aber jetzt sind wir hier. Sieh es als eine Art Urlaub.«
Sky stellte sich vor ihn und hob eine Augenbraue, als würde er auf eine Retourkutsche von Slash warten – die er auch prompt erhielt. »Richtig, du hast es erfasst. Ruhe und Konzentration! Du kannst hier kein Theater veranstalten, wie ein …«, sagte er, als im selben Moment Pure aus dem Zimmer stürmte, das sie als Lehrkraft im Heim zugeteilt bekommen hatte. Ihre eisblauen Augen schossen Blitze in ihre Richtung. »Jungs, haltet die Klappe! Ihr seid viel zu laut. Euch kann man überall hören. Konzentration und Ruhe. Und jetzt los!«
Mit schnellen Schritten marschierte sie an ihnen vorbei und eilte den Flur in Richtung Aula entlang, ohne einen Blick zurück zu werfen. Sky trottete mit eingezogenem Kopf und roten Wangen hinterher, während Slashs Hände sich zu Fäusten ballten und er leise murrend folgte: »Das Gleiche habe ich gerade gesagt.«

 

***

 

Die Kinder und Jugendlichen im Heim waren bereits ausgiebig mit ihrem Mittagessen beschäftigt, als er Pure und Sky in den Speisesaal folgte, der gleichzeitig die Aula war und somit den einzigen großen Raum für alle wichtigen Aktivitäten und Feiern darstellte. Sky bog bereits einige Tische vorher ab und suchte sich einen freien Platz unter den Jugendlichen. Sie hatten mit ihm wirklich eine geeignete Wahl getroffen; er passte gut hinein und wirkte nicht im Geringsten deplatziert. Wohingegen Slash sich wie eine verfluchte Witzfigur vorkam – in der steifen, unbequemen Hose, mit zugeschnürten Schuhen und einem braunen Pullover, der an seiner Haut kratze. Er vermisste seine Sandalen und das weiche, offene Leder um seinen Körper.
Pure und er nahmen am Tisch der Heimleitung und Lehrer Platz. Sofort vertiefte sich Pure in ein Gespräch mit den anderen Lehrkräften. Sie ging seines Erachtens etwas zu zielstrebig an die Sache, schoss es ihm durch den Kopf, als er einen Teil ihrer Unterhaltung mithörte. »Sind in letzter Zeit viele Jugendliche aufgenommen worden?« … »Aha, wie heißen die?«
Typisch Pure. Sie sprach nicht viel, aber wenn, nahm sie nie ein Blatt vor den Mund und war so direkt, dass ihm manchmal die Spucke wegblieb. Nicht nur, weil sie ehrgeizig und stur war, sondern auch der ungeduldigste Mensch, den Slash kannte. Sogar schon als Kind. Wenn sie damals zu dritt mit ihrem Bruder Fio Verstecken gespielt hatten, hatte sie nach zwei Mal Suchen einfach aufgehört und war mit den anderen Jungs Fangen spielen oder sich gegenseitig mit Beeren abschießen gegangen. Und er und Fio hatten stundenlang in den blöden Verstecken ausgeharrt, bis sie von den Erwachsenen zum Abendessen gerufen wurden.
Wieder erreichte ihn ein Gesprächsfetzen aus Pures Richtung: »Haben Sie besonders talentierte Kinder?« … »Interessant, ist Ihnen dabei etwas ›Komisches‹ aufgefallen?«
Bei den Göttern, das war definitiv nicht die langsam herantastende Art, von der sie vorhin gesprochen hatten. Unter dem Tisch gab er ihr einen Stoß gegen das Schienbein. Als sie zu ihm herüber blickte, bedeutete er ihr unauffällig mit der Hand, dass sie etwas langsamer machen sollte. Pure verzog zwar kurz den Mund und er konnte ihren Unmut in den eisblauen Augen aufblitzen sehen, aber sie nickte leicht, so dass nur er es sehen konnte. Als sie sich wieder an ihren Gesprächspartner wandte, war von ihrem stillen Disput nichts mehr zu merken. Während Pure sich nun subtiler mit dem Kollegium austauschte, um sich Informationen zu besorgen, ließ Slash den Blick über die Menge schweifen. Irgendwo hier musste jemand sein, der so war wie sie, hier im gleichen Saal. Aber wer nur?

Es waren geschätzte dreihundert Jugendliche und einen davon mussten sie finden, ohne dass es jemand von den anderen mitbekam. Schwierig, aber nicht unmöglich. Sein Blick wanderte zu Sky hinüber, der zwischen einem molligen, blonden Mädchen und einem dunkelhaarigen, hochgewachsenen Jungen saß. Sky schüttelte leicht den Kopf und Slash schaute sich weiter um. Aus der ganzen Masse fielen ihm nur zwei Jugendliche auf. Einerseits ein blonder Junge, der in der Mitte des längsten Tisches saß und die Aufmerksamkeit der Umliegenden mit lauten Sprüchen und fuchtelnden Händen auf sich zog. Und am Ende eines Tisches, auf der anderen Seite des Raumes, saß ein Mädchen mit traurigen, schräg liegenden Mandelaugen und fein gezeichneten Gesichtszügen. Ihre Haare waren unachtsam zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Nach ein paar Zentimetern dunklen Ansatzes konnte man die leuchtend violette Farbe ihrer Haare erkennen. Sein Blick blieb an ihr haften und wollte sich nicht mehr lösen. Nicht wegen ihres extrem schönen, exotischen Gesichts und nicht, weil er glaubte, sie sei diejenige, die sie suchten, sondern weil sie eine unglaubliche Traurigkeit ausstrahlte. Er konnte den Schmerz in jeder ihrer Bewegungen sehen. Als sich ihre Blicke für einen Moment kreuzten, war es zu viel für ihn und er musste den Blick senken, weil er die quälende, auffressende Art von Schmerz nur zu gut kannte.

 

***

 

Loreen

Wie immer schlich sie sich in der letzten halbe Stunde vor dem Nachmittagsunterricht noch einmal hinaus in den Garten und atmete in tiefen Zügen die frische Luft ein. Heute war es ihr im Speiseraum noch voller vorgekommen als sonst. Was nicht nur daran lag, dass ein neuer Teenager namens Sky aufgetaucht war, sondern auch daran, dass zwei neue Lehrer nach dem Essen vorgestellt worden waren. Das Irritierende dabei war die Tatsache, dass der neue männliche Lehrer sie des Öfteren hemmungslos angestarrt hatte. Außerdem war Loreen sofort aufgefallen, dass er sich in seiner Haut nicht wohl fühlte, als er den Raum betreten hatte. So wie sie selbst. Sein verkrampfter Gang und das Zupfen an den Klamotten ließen ihn fast unsicher wirken. Was sie aber nicht nachvollziehen konnte, denn er sah gut aus, richtig gut. Das sollte sie zwar nicht über einen Lehrer denken, aber er war noch jung, ungefähr dreiundzwanzig. So jung, dass sie sich schwer tat, ihn in die gleiche Schublade wie die anderen Lehrer zu stecken – alt, rundlich und meist unmotiviert oder nervig.
Nur seine Klamotten – Jeans und ein altmodischer Pullover passten nicht ganz ins Bild seiner sonst so attraktiven Erscheinung. Er war groß und muskulös, seine Haare bestanden aus zusammengebundenen schwarzen Dreadlocks und seine Haut war cappuccinofarben – Kaffee mit einem Schuss Milch. Genauso, wie sie ihn gerne trank.

 

***

 

Zwei Tage und einige Stunden später brach die letzte Unterrichtstunde vor dem Wochenende an und zugleich auch Loreens Lieblingsstunde: Musik. Auch wenn sie sich zurückhielt und dort, wie überall, im Hintergrund blieb, war ihr während der Musikstunde immer ein wenig leichter ums Herz. Musik konnte viele ihrer Stimmungen perfekt einfangen und manchmal ihre Gefühle komplett verändern, verbessern und erträglicher machen.
Das war schon immer so gewesen und daher hatte sie als Kind bald darauf bestanden, das Spielen eines Instruments zu erlernen. Ihre Mutter hatte sie zuerst zur Klarinette und später zum Saxophon überredet. Immer wenn sie auf Gitarre oder Klavier zu sprechen kamen, bei denen Loreen zusätzlich auch hätte mitsingen können, hatte ihre Mutter eine Ausrede gefunden.

Erst vor einigen Tagen war Loreen unbewusst in das Musikzimmer gestolpert. Ihre Füße hatten sie wie von selbst dorthin geführt. Im Raum hatte das große Klavier gestanden und bevor sie sich‘s versah, hatte Loreen bereits die ersten Tasten gedrückt und Musik war durch ihre Finger geflossen. Ohne dass sie es je gelernt hatte, wurde sie von den Klängen getragen. Plötzlich hatte sie nicht mehr aufhören können und mit geschlossenen Augen zu singen begonnen. Damit war es um sie geschehen: Emotionen trugen sie durch den Raum, die so vielfältig waren wie die Farben des Regenbogens. Etwas hatte sich in ihr gerührt, eine unbeschreibliche Sehnsucht, die in ihrem Innersten schlummerte. Das Sonderbarste war, dass sie beim Öffnen der Augen ein goldenes Licht gesehen hatte, das in fließenden Wellen um sie herum geströmt war. Doch als sie ihren Gesang beendet hatte, war das Leuchten sofort verschwunden. Was auch immer das gewesen war, es hatte ihr ungeheuer Angst gemacht und gleichzeitig ihre Neugierde geweckt. Bei der Erinnerung stellten sich erneut die Härchen an ihren Unterarmen auf und sie schlang die Arme um ihren Oberkörper.

 

***

 

Slash

Geschmeidig glitt Slash in das Musikzimmer und war prompt umzingelt von zwei Dutzend Schülern. Er fühlte sich in diesem Raum beengter als in einem Kampf, bei dem er sich zehn Gegnern gleichzeitig stellen musste. Er konnte zwar die einen oder anderen Dinge gut erklären, aber das tat er lieber im Zusammenhang mit sportlichen und athletischen Aufgaben – Musik genoss er nur für sich alleine. Was hätte er jetzt dafür gegeben, eine Angriffstaktik mit Messern zu erläutern. Stangenwaffen und Schwerter wären ihm auch recht oder ganz einfach ein Nahkampf ohne Waffen. Doch Pure und er mussten sich menschlich und normal benehmen. Sie hatten einige Fächer unter sich aufgeteilt und an ihm blieben Sport und Musik hängen. Mit den Fächern an sich hatte er kein Problem, aber mit seiner einengenden Rolle in diesem geschlossenen Schulzimmer.
Er wuchtete eine abgenutzte, lederne Umhängetasche auf das Lehrerpult. Slash wollte seinen Unterricht damit beginnen, dass sich alle Schüler zuerst vorstellen und ihre Beziehung zur Musik erläutern sollten. Vielleicht konnte er auf diesem Weg etwas herausfinden. Falls nicht, würde er jeden Schüler einzeln rannehmen. Und danach würde er auch jeden von ihnen etwas vorspielen oder singen lassen. Spätestens dann sollte er einen Anhaltspunkt haben oder Pure würde etwas spüren können, falls einer von den Schülern eine musikalische Gabe hatte. Pure hatte nämlich die Fähigkeit andere ihrer Art aufzuspüren, sobald diejenigen ihre Essenz einsetzten. Egal ob es eine aktive Kraft für den Angriff war oder eine dezente, die man nicht durch funkelnde Blitze oder dergleichen sah. Dabei hoffte er, dass er mit seinem Programm in einer Stunde durchkommen würde. Ein straffer Zeitplan, aber nicht unmöglich.
Während er sich den Schülern noch einmal als neuer Lehrer vorstellte und ihnen eine erfundene Geschichte über sein Alter, seinen Namen und Werdegang auftischte, konzentrierte er sich auf die verschiedenen Augenpaare im Raum. Dabei blickte er jedem einzelnen Schüler forschend ins Gesicht. In der hintersten Reihe blieb sein Blick hängen – dort war sie wieder.
Ihre Haare trug sie heute offen und sie breiteten sich ungeniert über ihren Rücken aus. Ihre Ellbogen hatte sie auf den Tisch gestellt, während ihr Kinn auf den verschränkten Fingern ruhte. Die Stunde dürfte interessant werden. Und er sollte Recht behalten.

 

***

 

Nach seinem Unterricht, der lange und ausgiebig war, hatte er nur eine Schülerin in die engere Auswahl genommen und so ironisch es ihm auch vorkam, war es das hübsche, traurige Mädchen. Zum jetztigen Zeitpunkt war er sich noch nicht vollkommen sicher, es war eher ein Bauchgefühl – aber das hatte ihn noch nie enttäuscht. Slash würde Sky vorschicken, um einen ersten Kontakt mit ihr zu knüpfen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Er war der Bessere für solch eine Aufgabe. Sky war offen und konnte Menschen mit seiner fröhlichen Art für sich gewinnen, ganz anders als er.

Slash traf sich mit Pure und Sky im Schlafzimmer von Pure, um sie über die Eingrenzung ihrer Suche aufzuklären. Sky war ganz begierig darauf, gleich loszulegen und das Mädchen auszuhorchen. Auch Pure war über die Entwicklung äußerst erfreut. »Heute, während deines Musikunterrichts, konnte ich definitiv eine Kraft spüren. Bei meinen Jugendlichen war im Unterricht hingegen nichts zu fühlen. Damit hätten wir mit Sicherheit den Kreis auf deine Klasse eingeschränkt und es muss eine musikalische Gabe sein. Wenn wir Recht haben, dürfte es ab jetzt ein Kinderspiel sein. Das bedeutet, wir hätten es bald erledigt und könnten wieder zurück nach Hause.«
Freundschaftlich legte Slash die Hand auf ihre Schulter und drückte sie leicht. Ihr ging es wie ihm. Auch sie wollte wieder heim, doch das ging noch nicht. »Gut, aber du weißt, dass es nicht so schnell gehen wird. Wir müssen nach den Regeln vorgehen. Zuerst gehen wir an einen anderen Ort, um erste Tests durchzuführen, damit wir sicher sind.«
Pure prustete ungeduldig: »Ja, ich kenne die Vorschriften, trotzdem mag ich sie nicht. Ich will hier weg! Die vielen Menschenkinder machen mich unruhig und die Klamotten kratzen ständig – auch wenn ich weiß, dass es nicht anders geht.«
Schnell senkte sie den Blick, aber Slash konnte dennoch ein verräterisches Glitzern in ihren Augen erkennen. »Wenn Fio noch hier wäre, würden wir sofort wissen, wer es ist. Aber mit meiner mickrigen Macht …«
Während sie sprach, fiel ihr eine blonde, schulterlange Haarsträhne ins Gesicht und Slash schob sie ohne nachzudenken wieder zurück hinter ihr Ohr. Auch wenn er seit damals, als er alles verloren hatte, zu allen auf Abstand ging, war sie seit jeher seine beste Freundin. Vor vier Jahren waren sie sogar zu ›Bell-Pars‹ ernannt worden. Aber trotz all dem und ihrer Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft konnte Slash nie mehr als brüderliche Gefühle für sie entwickeln. Im Geiste war sie seine kleine Schwester. Das würde sich nie ändern, ungeachtet sämtlicher Vorschriften, die man ihnen machen wollte.
Sky räusperte sich deutlich hörbar: »Hey Freunde, ich weiß ja, wir sind in einem Schlafzimmer, die ganze ›Bell-Par‹ Geschichte und so, aber könnten wir uns vielleicht wieder auf diese Sache hier fokussieren?«
Pures Augen funkelten in seine Richtung und ein goldener Schimmer leuchtete schwach auf, der die kleinen Sprenkel ihrer Augen hervorhob – die kleinen goldenen Tupfer, die jeder Divinus ab Einsatz seiner Kräfte aufzuweisen hatte. Slash wandte sich an Sky: »Wir sind fokussiert und haben die Mission im Blick. Mach dir keine Sorgen. Du hast heute Abend freie Hand, vielleicht findest du etwas raus. Aber pass auf, dass du nichts ausplauderst, bevor wir uns sicher sind.«
Dieses Angebot konnte Sky nicht ausschlagen. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich eifrig Richtung Tür und war im nächsten Moment bereits verschwunden. Auch Slash musste raus. Er schnappte sich ein Buch und verabschiedete sich für den restlichen Abend von Pure.

Er brauchte ein wenig Ruhe in der Natur, da er es nicht gewöhnt war, so lange in Räumen eingesperrt zu sein. Wenigstens etwas frische Luft, wenn er schon nicht trainieren, laufen oder Gitarre spielen konnte, um seinen Kopf frei zu bekommen. Seine Arme vermissten das Gefühl schwere Waffen auszubalancieren, seine Lunge die tiefen Atemzüge bei starker Anstrengung und seine Finger die Berührung der Saiten, während Musik ihn umhüllte wie eine vertraute Decke.
Slashs Muskeln entspannten sich ein wenig, als er sich an den Stamm einer dicken Eiche lehnte, die sich am unteren Ende eines Hügels befand. Von hier aus konnte er gerade noch über die Hecke, die das gesamte Areal des Heimes umsäumte, auf den See blicken. Seine Beine lagen übereinander geschlagen vor ihm und er begann in einem altgriechischen Buch zu lesen.

Er musste kurz eingenickt sein, als ein Geräusch, das von hinten rasch näher kam, ihn aufschrecken ihn ließ. Bevor er sich orientieren konnte, stolperte ein Mädchen über seine Beine und fiel in seinen Schoß. Weit aufgerissene, dunkle Augen starrten ihn an und spiegelten seine Fassungslosigkeit wieder. Da war sie erneut. Das Mädchen namens Loreen – aus dem Speisesaal, aus dem Musikunterricht – und jetzt lag sie genau auf ihm. Sie schüttelte den Kopf, als ob sie ihre Gedanken ordnen wollte und versuchte, sich mit hochrotem Kopf aufzurappeln, wobei sie immer wieder mit ihrer Hand im Gras ausrutschte und nicht von der Stelle kam.
Wie kann man nur so ungeschickt sein? Slash konnte nicht anders, als sanft ihre Oberarme zu umschließen, sie neben sich zu platzieren und besänftigend zu flüstern: »Ruhig, es ist nichts passiert. Alles gut.«
Dabei kam er sich ein wenig blöd vor. Er wusste nicht, warum er plötzlich das Bedürfnis verspürte sie zu trösten oder wie er es anstellen sollte, aber er wollte es. Sie wirkte komplett aufgelöst. Und trotzdem wünschte er sich gleichzeitig Sky oder Pure an seine Stelle, die wüssten, was zu tun wäre. Obwohl – doch eher Sky, der konnte besser mit emotionalen Situationen umgehen.
Mit dem Saum ihres Sweatshirts wischte sie sich ihre tränenfeuchten Wangen ab und nahm die Kopfhörer aus ihren Ohren. »Es tut mir so leid. Ich habe Sie nicht gesehen. Ich war war abgelenkt, weil ich Musik gehört habe. Entschuldigung, das wollte ich nicht.«
Slash ignorierte seine Neugierde darüber, welche Musik sie wohl gehört hatte und antwortete: »Du kannst mich Slash nennen. So alt bin ich nicht.«
Etwas zögerlich nahm sie seine ausgestreckte Hand entgegen. »Danke. Mein Name ist Loreen, Loreen Earnest.«
»Ich weiß. Du warst in meinem Unterricht, wenn du dich erinnern kannst.«
Die rote Färbung ihrer Wangen wurde noch eine Spur dunkler. »Oh. Ja klar. Richtig.«
Nur widerwillig ließ er ihre Hand wieder los, aber den Blick konnte er von ihrem Gesicht nicht abwenden. Durch die Nähe erkannte Slash im Abendlicht der Dämmerung kleine, goldene Punkte in ihren ansonsten dunklen Mandelaugen, die nur eines bedeuteten – sie war eine von ihnen. Bevor er die Antworten auf seine nächsten Fragen bekam, konnte er bereits mit Gewissheit sagen, dass er die gesuchte Person gefunden hatte. Trotzdem stellte er sie. »Singst du gerne, Loreen? Wie fühlst du dich dabei und wie reagieren deine Mitmenschen darauf?«

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