[The Road to Hallelujah] Kapitel 1 – 1.2 Johnny


Johnny

10 1/2 Wochen vor dem Abflug

Der April hatte es wieder einmal so richtig in sich und ließ unaufhörlich die Schleusen geöffnet, damit auch jeder, wirklich jeder, von Kopf bis Fuß nass wurde. Als ich endlich durch die Eingangstür in den Wohnkomplex gestürmt war, fühlte ich mich wie ein verdammter begossener Pudel. Dabei hatte ich echt nichts übrig für irgendwelche Rassen oder Hunde im Allgemeinen. Ein Schirm hätte geholfen, aber so etwas besaß ich natürlich nicht und meine Hände waren sowieso mit zwei Taschen vollgepackt. Die Feuchtigkeit folgte mir durch den schmucklosen, mit Gekritzel beschmierten Eingangsbereich, der sich wie ein Schlauch zu dem abgetretenen Treppenhaus wand. Zwei Stockwerke weiter oben schloss ich die Tür auf und war endlich Zuhause. Wenn man eine alte Vierzimmerwohnung als Zuhause betrachten wollte, die neben dem stark befahrenen Wiener Gürtel lag und in der drei weitere Jungs wohnten, von denen keiner einen Ordnungssinn besaß. Aber hey, ich würde mich sicher nicht beschweren, da ich kein Stück besser war. Außerdem hatte ich schon viel Schlimmeres erlebt. Dagegen war unsere Wohnung mitten in Wien der reinste Luxus, denn hier war ich frei und mein eigener Herr.
In der Küche stopfte ich die gekauften Lebensmittel in den Kühlschrank – der nebenbei erwähnt etwas unappetitlich roch, ohne dass ich die Quelle dafür benennen konnte. Nachdem ich alles verstaut hatte, fuhr ich mir über das Gesicht und wischte die langen Strähnen zur Seite, um wieder ohne Einschränkung sehen zu können. Normalerweise fand ich meine kinnlangen, fast schwarzen Haare ja ganz lässig – besonders die Bräute standen darauf, vor allem jene, die nur Spaß und keine Verpflichtungen wollten -, aber heute gingen sie mir so richtig auf den Sack. Da es in der Wohnung stickig war, zog ich meine dunkle Lederjacke aus und legte sie auf einen der Hocker. Mit den restlichen Sachen machte ich mich auf den Weg in mein Zimmer, wobei ich einen Hindernisparcours aus Müllsäcken und Schuhen durch die Küche, über den Flur bis zu meiner Tür hinlegte. Gerade als ich sie schließen wollte, ertönte Nathans Stimme, als ob er mich abgepasst hätte. »Hi Johnny, da bist du ja endlich.«
»Hey Mann, ich komme gleich. Einen Moment.«
Bevor Nathan seinen Kopf durch die Tür stecken konnte, schob ich sie mit der Hüfte zu, kramte nach meinem verschlissenen Rucksack und stopfte die CD samt dem riesigen Plüschbären hinein. Eigentlich war es unnötig gewesen diese Sachen für Stefan und Anja zu besorgen. Zum Glück lebten sie seit fast zwei Jahren bei einer gut situierten Familie, die ihnen alles kaufen konnte, was sie wollten. Aber es war eine Tradition ihnen etwas mitzubringen und mit dieser wollte ich nicht brechen. Auch wenn ich nicht mehr ein so großer Teil ihres Lebens war wie früher. Ich seufzte und schob diesen Gedanken beiseite. In ein anderes Fach steckte ich noch eine Boxershorts und ein frisches Shirt. Wer weiß, was der Abend noch bringen würde, man musste für alle Eventualitäten gerüstet sein.
Als ich fertig war, trat ich nach draußen zu Nathan.
»Was gibt‘s?«, fragte ich ihn, als ich vor ihm stand, eine Hand auf dem Rucksackriemen und die andere in der Tasche meiner tiefsitzenden Jeans. Nathan trat mit einem Grinsen an mich heran.
»Was es gibt? Deinen verdammten Geburtstag, Kumpel!«
Er klopfte mir auf die Schulter und für einen Moment standen wir in einer steifen Umarmung im Flur. Bei Mädchen sah das immer locker aus, aber bei uns Kerlen wirkte es irgendwie plump und unnatürlich. Und das, obwohl Nathan zu meinen besten Freunden, vor allem zu meinen ältesten, gehörte.
»Alles Gute!«, rief Nathan und drückte mich noch einmal fest, so dass seine blonden Locken meine Wange streiften. Er strahlte von einem Ohr zum anderen, während ich mich kurz bei ihm bedankte. Weil mir sonst nichts einfiel, drehte ich mich Richtung Küche um und marschierte los, dicht gefolgt von Nathan, der heute fast schon zu gut gelaunt war.
»Was machen wir heute Abend? In welchen Club möchtest du gehen?«
Bevor meine Hand den Griff des Regals fand, in dem wir die Gläser aufbewahrten, hielt ich inne und wandte mich zu ihm um.
»Ach, weiß nicht …«, überlegte ich laut und suchte nach einer Ausrede. Partys waren sonst mein Ding, aber heute hatte ich keine Lust auf dröhnende Beats und verschwitzte Körper. Zuerst plante ich die Zwerge zu besuchen und dann würde sich vielleicht was mit Kamila oder Nadine ergeben. Beide waren unkompliziert, soweit ich das nach zwei, beziehungsweise drei Wochen beurteilen konnte. Vor kurzem hatte ich erst Kamila, vier Tage später Nadine kennengelernt. Unabhängig voneinander hatten sie mir gesimst, dass sie mich gerne wiedertreffen würden, um zu reden. Wie dieses Reden aussehen würde, konnte ich mir gut vorstellen – sogar in ziemlich lebhaften Bildern … Vielleicht traf ich aber auch auf ein neues Mädchen? Ich war da nicht wählerisch.
»Um ehrlich zu sein, habe ich eigentlich schon was anderes vor.«
Zuerst wirkte Nathan etwas enttäuscht, aber dann wurden seine Augen groß und er lachte. »Ach, versteh‘ schon. Deshalb hast du den Rucksack dabei. Du triffst dich noch mit einer!«
»Sagen wir, ich habe eine Verabredung. Und deswegen muss ich jetzt auch los.«
Ich musterte ihn, suchte nach einem Anzeichen, dass er es mir übel nahm, konnte aber nichts davon in seinen Augen erkennen.
»Danke, dass du nicht sauer bist. Wir holen das ein anderes Mal nach, versprochen. Schönen Abend, Nat.«
Noch immer grinsend lehnte er an der Wand und sprach zu sich selbst, als ich durch die Wohnungstür hinausschlüpfte. »Dieser alte Hurensohn. Musiker müsste ich sein, dann hätte ich auch so ein Glück mit Frauen.«
Ich wusste, dass er Hurensohn nicht böse, sondern genau genommen als Kompliment meinte, trotzdem verzog ich den Mund. Obwohl er Recht hatte und genau ins Schwarze traf. Ich war ein Hurensohn von der schlimmsten Sorte. Obwohl mir das selbst klar war, wusste ich, dass ich mich trotzdem nie ändern würde.

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