[The Road to Hallelujah] Kapitel 1 – 1.4 Johnny


Johnny

5 Wochen vor dem Abflug

Dampf stieg in mein Gesicht und ich rührte fester, damit die Soße nicht anbrannte. Nicht, dass mir das oft passierte, aber heute war ich nicht so in meinem Element. Das Essen bestand zwar nur aus Pasta Asciutta, aber ich verwendete nicht diese billigen Fertigpulvermischungen, sondern kochte meine eigene Variation mit faschiertem Fleisch, Tomaten, Oliven und reichlich Knoblauch. Es war kein À-la-carte-Essen, aber immerhin genau das, was Nathan brauchen würde. Eine Menge Kohlenhydrate, damit er sein Gehirn noch für ein paar Stunden nutzen konnte.
Er hatte kurz vor zehn Uhr Abends angerufen, dass er sich bald vom Landesklinikum Stockerau auf den Weg zurück in unsere Wohnung machen würde. Den ganzen Tag war er bei seiner Großmutter im Krankenhaus gewesen, nachdem er von einer Stationskrankenschwester angerufen und informiert worden war, dass sie einen Herzinfarkt gehabt hatte. Ich konnte zwar nicht aus eigener Erfahrung sagen, wie es war, wenn es einem Verwandten, der einem so nahe stand, dermaßen schlecht ging. Zumindest aber versuchte ich nachzuempfinden, wie Nathan sich fühlte. Mir war klar, wie sehr er an seiner Großmutter hing, da sie ihn und seine Schwester quasi alleine großgezogen hatte. Er redete nur positiv von ihr, er liebte sie.
Aber nicht nur, dass er sich nun Sorgen um sie machen musste, ich wusste auch, dass ihm morgen eine schwere Prüfung bevorstand. Seit zwei Wochen hatte er englische Vokabeln für sein Studium an den Schränken im Badezimmer und an der Toilette befestigt. Aber nicht den normalen Scheiß, sondern kompliziertes Business-Englisch, bei dem sogar ich mit meinen eigentlich passablen Englischkenntnissen ausstieg und das, obwohl ich zweimal für einige Monate in fremdsprachigen Ländern unterwegs gewesen war.
Da schwang auch schon die Tür auf und Nat schleppte sich in die Küche. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf einem der Barhocker nieder. »Hi Kumpel. Alles klar bei dir?«
Typisch Nat, dass er sich immer zuerst um andere sorgte, egal wie schlecht es ihm ging. Müde wischte er sich über die Augen und gähnte. Nachdem ich eine Kanne Filterkaffe aufgesetzt hatte, klatschte ich das Essen auf einen Teller und stellte es Nat hin. »Danke, alles bestens. Aber wie geht’s dir und deiner Großmutter? Iss das und erzähl.«
Nickend dankte mir Nat, bevor er sich auf die Nudeln stürzte und mit vollem Mund zu reden begann. »Es war grauenhaft. Überall Schläuche und Kabel und Oma hat so winzig in diesem Krankenbett ausgesehen.«
Er fuhr sich durch die blonden Locken, sein Blick driftete kurz in die Ferne. »Es sieht nicht gut aus. Meine Schwester trifft es besonders hart, eigentlich muss sie dringend für ihren Abschluss lernen. Sarah will zwar nicht wahrhaben, wie es um Oma steht, aber ich fürchte, dass sie nicht so schnell wieder rauskommt … falls überhaupt.«
Das verschlug mir für einen Moment die Sprache, ich hatte nicht gedacht, dass es so schlimm um sie stand. »Das tut mir leid … Kann ich irgendetwas tun?«
Nat lächelte schwach. »Hast du das nicht schon? Danke. Hau dich lieber ins Bett. Du musst früh raus. Oder hast du morgen keine Schicht?«
Während ich die restliche Soße in einen Behälter füllte und in den Kühlschrank stellte, nickte ich bejahend. »Stimmt, Punkt fünf muss ich dort sein, um bei den Vorbereitungen zu helfen.«
Seit ich vor sechs Monaten aus Amerika zurückgekommen war, jobbte ich als Frühstückskellner im Radisson Blu Palais Hotel, direkt am Parkring. Eine feine Adresse in Wien, vollgestopft mit gut betuchten Damen, die gerne zu viel Trinkgeld gaben. Mir konnte das mehr als Recht sein. Nur das Aufstehen war die Hölle.
»Du weißt, wie streng meine Chefin ist, da gibt es kein Zuspätkommen.«
Bei meinen Worten prustete Nat los: »Ja klar, als ob du sie nicht schon längst um den Finger gewickelt hättest mit deinen tiefblauen Augen«, wobei er das Wort tiefblau mit den Fingern in Anführungszeichen setzte und versuchte zu quietschen, wie es eine Bekannte von uns letzten Samstag auf einer Party getan hatte. Verspielt klimperte ich mit den Wimpern und lehnte mich an die Küchenzeile. Wieder musste Nat schmunzeln, wobei er dieses Mal schluckte, bevor er weiterredete: »Hör auf mit dem Scheiß. Verdammt, wenn ich eine Braut wäre, würde ich auch auf dich stehen. Aber weißt du was?« Nun tippte er mit der leeren Gabel in meine Richtung. »Ich würde nie mit dir ins Bett gehen, weil ich Angst vor Syphilis hätte.«
Theatralisch griff ich mir mit der Hand an die Brust und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. »Das tut weh! Dabei wärst du so eine geile Schnitte, mit deinen blonden Locken und braunen Augen. Du brichst mir das Herz.«
Endlich erreichte Nats Lächeln auch wieder seine Augen und ich atmete innerlich erleichtert auf, bevor ich weiter blödelte. »Du bräuchtest dir gar keine Sorgen darum machen, Schatz. Ich nehme doch immer ein Kondom.«
»Zum Glück«, betonte er laut, »für die ganze Stadt, sonst würden drei Viertel der Frauen bereits krank im Spital liegen.«
Damit brachte er auch mich zum Lachen. »Du bist ein Idiot.«
Anstatt mir eine schnelle Retourkutsche zu verpassen, zwinkerte er mir zu und stopfte sich genüsslich den nächsten Happen in den Mund. »Deshalb ist es auch keine schlechte Idee, wenn du wieder losziehst, um die Frauen anderer Städte zu beglücken, damit unsere in Frieden weiterleben können. Weißt du schon, wann es soweit ist?«
Eigentlich hatte ich vorgehabt, spätestens im Herbst aufzubrechen und wieder für einige Zeit in Amerika herumzustreunen. Doch so wie mich Nat jetzt anguckte, wie ein zurückgelassener Welpe, meldete sich mein schlechtes Gewissen. Daher zuckte ich mit den Schultern. »Keine Ahnung. In den nächsten Monaten vielleicht. Warum?«
Er fragte nicht grundlos, etwas in seinem Blick machte mich unruhig, aber ich konnte nicht sagen was oder warum. Wir hatten die letzten Wochen schon einige Male darüber geredet. Bisher hatte er noch nie Probleme damit gehabt, dass ich manchmal für drei, vier Monate aus dem Land verschwand. Nat leckte die Gabel ab und stellte das Geschirr in die Spüle. »Nichts. Nur so.«
Damit war das Thema für ihn beendet und ich war auch nicht scharf darauf zu ergründen, was diesbezüglich in ihm vorging. Wenn er wollte, dass ich meine Pläne verschob, aus welchen Gründen auch immer, hatte ich kein Problem damit. Aber ich würde es ihm sicherlich nicht aus der Nase ziehen. Wenn er was wollte, konnte er es einfach und direkt ansprechen. Aber Nat sagte nichts mehr dazu.
Wir redeten noch ein paar Minuten über anderes, bis ich mein Gähnen nicht mehr zurückhalten konnte und Nat sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt hatte, um sich danach auf seine Lernunterlagen zu stürzen. Es war bereits elf Uhr und wenn ich morgen nicht verschlafen wollte, musste ich ins Bett. Nachdem ich ihm alles Gute für die Prüfung gewünscht hatte, drehte ich mich um und ging auf mein Zimmer zu. Doch bevor ich es erreichte, rief er meinen Namen: »Johnny.«
Ich blieb stehen und drehte mich um. »Ja?«
»Danke für das Essen und …«, er zögerte kurz und sprach dann schnell weiter, »… für die Ablenkung. Das hab‘ ich gebraucht.«
Nat kannte mich nach all den Jahren zu gut, ich war doch nicht so subtil vorgegangen, wie ich gedacht hatte. »Immer, Mann.«

 .

Zurück zum Kapitel 1 – 1.3 Sarah »»

 

Advertisements

Schreibt mir doch etwas - ich würde mich riesig freuen! :)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s