[Monster Geek 1] 1. Kapitel – Hinter jeder Tür verbirgt sich eine Überraschung

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1. Kapitel – Hinter jeder Tür verbirgt sich eine Überraschung

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Dieser verschissene Vampir versuchte doch tatsächlich mir zu entwischen! Seine schnellen Schritte donnerten über den Asphalt und gaben mir so genügend Anhaltspunkte, in welche der zwei engen Gassen er abgebogen war. Wie lange wollte er denn noch davon laufen und wohin? Die Gegend war mir bekannt und ich wusste zufällig, dass am Ende der Straße eine Sackgasse war. Ihm war es daher unmöglich, zu entkommen, außer er konnte fliegen, und wir wissen doch alle, dass das bloß idiotischer Humbug ist. Wie so einiges.

Als ich das Tempo erhöhte, spritzte Blut in alle Richtungen von meinem Katana, das ich vorhin verwendet hatte und noch immer fest in der Hand hielt. Zum Glück war ich schneller, schneller als viele andere, was mir schon oft meinen süßen Arsch gerettet hatte. Was nicht an meiner Magie lag und andererseits auch kein Wunder war, wie oft ich hinter etwas nachjagen oder davon laufen musste – wobei mir die erste Variante deutlich besser gefiel. So wie gerade eben.

Ein diebisches Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Der Vampir gehörte mir, genauso wie sein erbärmlicher Kopf und das Preisgeld. Warum musste er sich so zieren? Ich war eine Gildenjägerin und es war verdammt noch mal mein Job, Monstern wie ihm den Garaus zu machen und dafür den Sold zu kassieren.

Normalerweise hätte mir die wilde Hetzjagd nichts ausgemacht und ich hätte sie sogar genossen. Doch an diesem Abend war ich bereits etwas gereizt, da statt anders als im Pin beschrieben, nicht nur ein Vampir zu erledigen war, sondern gleich drei. Als ich heute Abend das Vampirnest angegriffen hatte, war ich auf drei verfluchte Blutsauger gestoßen, und so ein Rechenfehler konnte ganz schnell nach hinten losgehen. Aber ich war nicht um sonst Jessamine Diaz, und meines Zeichens eine der besten Gildenjäger in ganz Nordamerika. Okay, zugegeben – noch nicht ganz, aber ich würde es verflucht noch einmal werden und mich dann mit einem ganzen Batzen Geld zur Ruhe setzen. Am besten irgendwo in den abgeschiedenen Wäldern Kanadas mit meinen Frettchen Billy Joel, Gertrude und den Strickarbeiten.

Daher beschleunigte ich ein weiteres Mal mein Tempo und spürte dabei einen dumpfen Schmerz an meiner rechten Seite, als ich tief die Luft in meine Lungen einsaugte. Das würde vermutlich eine deftige Prellung werden, als ich daran zurück dachte, dass mir vorhin einer der Vampire einen Fußtritt gegen die Nieren verpasst hatte, während sein Kumpane mit seinen Fingernägeln ein paar Kratzer auf meiner Wange hinterlassen hatte. Das war aber auch schon alles gewesen, bevor ich sie endgültig kalt gemacht hatte.

Ich hatte fast das Ende der Gasse erreicht, als ich ein verdächtiges Geräusch hörte, das nur davon kommen konnte, wenn sich jemand hinter die nächste Ecke stellte. Wie ein funkelnder Blitz verfing sich das Licht an der Hauswand in der glänzenden, blau aufleuchtenden Klinge meiner Waffe, als ich sie genau in dem Moment nach rechts schwang, als ich meine magische Energie in die Waffe leitete und schlitternd die Ecke erreichte. Kurz sah ich noch in die erschrockenen, geweiteten Augen des Vampirs, in der nächsten Sekunde purzelte der Kopf von seinen Schultern und rollte über den Asphalt. Gleich darauf ging der nun wirklich tote Körper des Blutsaugers zischend in Flammen auf. Deswegen nutze ich die Wartezeit aus, bis alles vorüber war. Seelenruhig wischte ich mit einem Tuch, das ich vor solche Gelegenheiten in der Hosentasche verstaut hatte, das Blut von meinem geliebten Katana Olaf. Ja, ich hatte mein Katana nach einem Zeichentrick-Schneemann benannt, der bereits vor 50 Jahren über die Bildschirm geflimmert war. Mir war wohl nicht mehr zu helfen.

Gerade noch, als sich die letzte magische Energie in Olaf befand, seufzte das Katana in meinen Gedanken erfreut und lobte das kleine Blutgemetzel. Gute Arbeit.
„Danke, deine schnittige Klinge ist aber auch nicht von schlechten Eltern, mein Bester“, erwiderte ich lächelnd. In meinem Kopf sah ich sein erfreutes Grinsen – Olaf liebte Komplimente genauso sehr wie ich – bevor meine Magie aus der Waffe sickerte und die Verbindung abbrach. Ich hatte nicht viel Magie in mir, konnte gerade einmal ein paar leichtere Bann- oder Schutzzauber wirken, aber einer meiner Besonderheiten war, dass ich meine Waffen mit Magie aufladen konnte und sie dadurch stärker, härter – tödlicher wurden. Und ich komischerweise in meinem Kopf mit ihnen kommunizieren konnte, als ob meine Magie ihnen für einen Moment eine Persönlichkeit verpasste, die wieder verschwand, sobald der Zauber versiegte.

Erst als Olaf wieder vollständig sauber und blitzblank war und fast kein Rest des Vampirs mehr übrig war, bückte ich mich, um seine Beißerchen aufzuheben. So praktisch es auch war, dass Vampire, Werwölfe, Geister oder vieles mehr nach getaner Arbeit einfach in Asche zerstoben oder in Luft aufgingen, war es ein Segen, dass Vampire ihre Zähne zurückließen. Wie sonst sollten wir Gildenjäger einen Beweis vorbringen und den Sold einsacken?

Ich pustete fest auf die Vampirzähne zwischen meinen Fingern und verstaute sie dann zu den anderen zwei Gebissen in meiner silbernen magischen Fundus-Büchse, die aus eingewobenen Holzfäden und Weihrauchpulver gegossen war. Egal wie groß meine Beute war oder was ich hineinlegte, die Büchse bot immer genug Platz, obwohl sie im geschlossenen Zustand immer gleich klein blieb – fünf mal zwei Zentimeter. Eine Spezialanfertigung zu meinem Geburtstag.
Ja, die Zwillinge waren eben doch die besten.

Lächelnd steckte ich die Dose wieder zurück, küsste die Fingerspitzen meines Mittel- und Zeigefingers und zeichnete mit ihnen ein Kreuz über meine Brust, an der Stelle des Herzens. Das war mein Ritual, um mich bei Gott, der Magie oder bei was auch immer zu bedanken, dass ich eine weitere Jagd überlebt hatte. Jeder Gildenjäger – so ehrlich konnte man sein – war etwas verschroben, schrullig und mit nicht nur einer handvoll Eigenheiten gesegnet. Dazu gehört auch, dass wir trotz besseren Wissens, Abergläubisch an die Jagd herangingen, mit kleinen Ritualen. Entweder davor oder danach. Meine war diese – kurz, bündig und knackig, wie mein Hintern. Andere zogen zum Kampf immer die gleiche Unterhose an. Man konnte nur hoffen, dass sie dazwischen gewaschen wurde. Oder wieder andere beteten währenddessen ständig, was ich komplett bescheuert fand, da es erstens von den übernatürlichen Wesen zu hören war und zweitens total vom Auftrag ablenkte. Wiederum kannte ich auch Jäger, die vor einer Jagd sieben Mal Salz über ihre linke Schulter warfen oder drei Mal verkehrt im Kreis liefen.

Ja, man konnte daher ruhig behaupten, dass wir wohl alle unsere Psychosen und Eigenheiten hatten. Grinsend strich ich meine nachtschwarzen, engen Klamotten glatt, die aus dem neuen Inn∞Leder bestanden und alle Fremdpartikel abweisen konnte. Egal was mit dem Lederstoff in Berührung kam, meine Kleidung blieb so sauber, wie an dem Tag, an dem ich sie gekauft hatte. In meinem Fall versuchte es immer wieder das Blut oder irgendwelche andere schleimige Fetzen, aber es hatte keine Chance und perlte einfach ab wie Wassertropfen auf einer dicken Staubschicht. Normalerweise würde ich an dieser Stelle direkt zu einer der Gildenbuden gehen, aber davor hatte ich heute noch etwas anders zu erledigen.

***

Geräuschlos schlich ich um das heruntergekommene Haus, bei dessen Hintergarten ich vor einer halben Stunde die ersten zwei Vampire erledigt hatte und der dritte geflohen war. Die Fassade war schäbig, genauso wie der ungepflegte Rasen oder der verwitterte, schiefe Zaun. Das perfekte Bild einer leerstehenden, rattenverseuchten Hütte, die kein normaler, geistig gesunder Mensch betreten würde. Ich trat ein.

Aber erst, nachdem ich mich ein weiteres Mal überzeugt hatte, dass kein vierter Vampir auf mich wartete. Wie ich bereits angenommen hatte, war das Innere ganz anders eingerichtet, als man von außen zu schließen war. Mit opulenten Möbeln und einigen SchnickSchnack, der über flauschige Teppichläufer, moderne Kunst an den Wänden und unnötige Vasen und Statuen reichte. Geschmeidig glitt ich von einen Raum in den nächsten, ohne noch einmal auf einen toten Blutsauger zu stoßen. Soweit so gut, wäre da nicht plötzlich das Knarren eines Fußbodens zu vernehmen. Sofort erstarrte ich und schärfte alle meine Sinne. Nicht nur, dass ich extrem schnell laufen konnte, hatte ich auch ein gutes Gehör und Augen, die auch bei wenig Licht sahen. Ich befand mich bereits auf der Treppe hinunter in den Keller. Oben war im übertragenen Sinn alles sauber gewesen, unten offensichtlich nicht. Meine Hand schloss sich fester um das Heft von Olaf. Obwohl es noch mitten in der Nacht war, sah ich durch das meine außergewöhnliche Nachtsicht genug, um Umrisse wie Gefahren zu erkennen. In der Luft lag deutlich der unverkennbare, eiserne Geruch von Blut – also alles ganz normal für eine Vampirzuflucht.

Aber nein, halt, da ist es schon wieder. Das typische Knarzen eines Holzbodens – kurz, aber eindeutig. Als ich die Augen schloss, um mich noch stärker auf mein Gehör zu konzentrieren, konnte ich den Ursprung des Geräusches ausmachen. Irgendjemand oder irgendetwas befand sich hinter dieser Holztür, keine drei Treppenstufen von mir entfernt. Das dürfte interessant werden, beziehungsweise wartete der vierfache Sold auf mich, wenn ich statt nur einem Vampirgebiss mit vier Schnappzähnen auftauchte. Statt meinem Grinsen nachzugeben und die Dollarzeichen in meinen Augen rotieren zu lassen, konzentrierte ich mich wieder auf die Gegenwart. Als ich mir sicher war, dass das Geräusch von der Tür wegging, machte ich mit einem Bein voraus einen einzigen schnellen Satz auf die Tür zu, die laut nach innen aufkrachte. Wie ein Ninja war ich durch die Tür gesprungen. Das hätte auch Chuck Norris nicht besser hinbekommen, lobte ich mich kurz in Gedanken selbst, als ich schon wieder aus der Hocke hochschoss und mich kampfbereit im Raum umsah. Dann sah ich ihn.

Ganz in der Ecke stand ein splitterfasernackter Typ, verängstigt wie ein kleines Schulmädchen und starrte mich aus schreckgeweiteten Augen an.
Oh verdammt, ein Blut- bzw. Sexsklave.
Wir Jäger stießen nicht besonders oft auf ihre Sklaven, da Vampire wenig Geduld besaßen und einfach unersättlich waren, wodurch die gefangen Menschen zu oft zu schnell verbluteten. Was ich persönlich als gnädigeres Ende ansah, als zu einem Blut und Sexsklaven zu werden, dessen Hirn immer mehr zu Brei wurde. Durch das Gift der Vampirzähne konnten sie nämlich die Menschen willig machen und ihrer gesamten Identität berauben. Das dauerte zwar einige Tage, aber danach war ihr Gehirn nicht mehr wert als Gemüse und es verschlimmerte sich sogar, je länger sie ihn ihrer Gefangenschaft waren. Es gab nur zwei Möglichkeiten sie aus diesem Dämmerzustand zu befreien. Entweder monatelanges Warten, in der sie wieder aus ihrer geistigen Hölle krochen. Was eine Einweisung in eine Psychiatrie zur Folge hatte, da es dort nicht auffiel, wenn sie keine zusammenhängenden Sätze bilden, oder sich nicht einmal an den eigenen Namen erinnern konnten. Schuld daran war das Vampirgift, das so lange brauchte um nicht nur aus ihrem Blutkreislauf, sondern auch aus ihren Gehirnzellen zu verschwinden. Sowie ein spezieller geistiger Zauber, der das Opfer durch den Sex an seinen Blutvampir band, und den nur der Vampir selbst auflösen konnte – was natürlich keiner tat. Aber genau dieser kleine Sexzauber war auch das Schlupfloch, um die monatelange Tortur des Vampirsklaven außer Kraft zu setzen. Und dafür musste man nicht einmal so viel tun. Kurz überlegte ich, für welche Option ich mich entscheiden sollte. Aber ich hatte schon lange keine Gelegenheit mehr dazu gehabt, ich war sprichwörtlich überreif. Und der Typ war eigentlich ganz süß – wie alle Vampirsklaven, was kein Wunder war. Sie suchten sich ja nur die hübschesten unserer Gattung aus, um sich an ihnen zu vergehen. Mistkerle!

Ich riss mich wieder am Riemen, schob die Wut beiseite und entspannte meine Finger, die sich ständig in meiner Lederjacke verkrampften und zu Fäusten bilden wollten. Aber auch, wenn mir der Typ nicht gefallen hätte, würde ich trotzdem diese Entscheidung fällen. Und wenn ich es nicht selbst hätte tun wollen, könnte ich jemanden aus der Jägergilde kontaktiert, um das hier zu erledigen. Aber so passte alles zusammen und ich ergab mich seufzend, aber doch auch mit einer kleinen Spur Vorfreude, meinem Schicksal.
Entschlossen, wie ich nun war, verriegelte ich die Tür hinter mir, was mir ein verängstigtes Wimmern des Sklaven einbrachte, das ich ignorierte, obwohl sich in mir drinnen kurz alles zusammenzog. Armer Teufel!
Ich wollte ihm keine Angst machen, aber Vorsicht war besser als Nachsicht und ich wollte vor etwaigen Besuchern geschützt sein. Ohne viel darüber nachzudenken oder eine Show daraus zu machen, zog ich mich mit wenigen Handgriffen aus und ging auf ihn zu, während ich beruhigende Wörter flüsterte. Seine Augen waren glasig, als ob ein Nebel über sie, wie über seinen ganzen Verstand, lag. Zuerst zuckte er noch zusammen, als ich seine Haut berührte, aber als ich den Blutvampir erwähnte und ihm die Lüge erzählte, dass dies der Wunsch seines Herren war, wurde er auf der Stelle entspannter, passte sich meinen Bewegungen und Körper an. Kurz verspürte ich ein schlechtes Gewissen im Magen, weil ich so augenscheinlich log, aber das war die einzige Möglichkeit, um ihn schneller aus dieser Hölle zu befreien, dessen er sich nicht einmal bewusst war.

Behutsam strich ich ihm durch die dunkelblonden Locken, über seinen Bart und hinunter über seinen schlanken, aber muskulösen Körper. Wenigsten hatten die Vampire ihn genährt und in dieser Hinsicht gut für ihn gesorgt, auch wenn ich überall auf seiner Haut Bisspuren ausmachen musste.
„Komm. Bald wird es dir besser gehen“, versprach ich ihm sanft, obgleich er es wohl nicht hörte, und zog ihn hinüber zum Bett. Wir wechselten keinen Kuss, keine weiteren Worte. Sondern ich legte ihn bloß auf den Rücken und krabbelte auf ihn hinauf, nachdem er bereit war und ich ihm ein Kondom übergezogen hatte. Obwohl es viele der normalen Menschen abstoßen finden oder nicht verstehen würden, wie man das hier machen konnte – egal ob es ihm genau das half – tat ich, was ich für richtig hielt. Und so verkehrt es auch war, obwohl solche Dinge schon mein Leben lang Teil davon waren, und mich gleichzeitig abstießen, stöhnte ich unwillkürlich auf, als ich mich auf ihn hinab ließ und ihn vollständig in mich aufnahm.
Ja, es ist definitiv zu lange her gewesen, dass ich das letzte Mal Sex gehabt hatte.
Keuchend schob ich alle weiteren Gedanken beiseite und gab mit den körperlichen Empfindungen hin, um es mir, wie auch dem namenslosen Mann unter mir, so schön wie möglich in so einer Situation zu machen. Dabei strichen die offenen, langen Haare über meine nackte Haut, die bis zum Ende meiner Schulterblätter reichten. Ich erhörte das Tempo, wippte mit der Hüfte, damit er noch tiefer eindringen konnte, was nun auch seine Atmung beschleunigte, und mir ein Stöhnen entlockte. Sein Hirn war zwar momentan nicht zu gebrauchen, aber da unten, ja – dort war er bestens ausgestattet. Sobald ich aber mit ihm fertig war, würde sein Verstand wieder klarer werden.

***

Nach einer halben Stunde, streckte ich mich seufzend und erhob mich von dem Bett. Trotz aller negativen Punkte, die man an der Hand abzählen konnte, war das wirklich gut gewesen und sowas von nötig. Noch einmal seufzte ich zufrieden. Schnell schlüpfte ich in meine Klamotten und band mit flinken Fingern den Typen, der noch immer seelig grinsend auf der Matratze lag, mit Armen und Beinen an das Bettgestell. Ich konnte ihn unmöglich alleine ins nächstgelegene Krankenhaus bringen, dafür war er eindeutig zu schwer. Also würde ich auf dem Weg zu meinem nächsten Auftrag schnell bei meinem Cousin Jayden anrufen, damit er sich um diese Sache hier kümmerte. Mit dem Sex, den der Süße gerade gehabt hatte, würde er den Nebel der Vampirmagie in den nächsten Stunden endlich verloren haben und hoffentlich vollkommen geistig genesen daraus erwachen – mit Null und Nada Gedächtnis an die letzten Monate. Derart gaga, wie er gewesen war, musste er mindestens Monate, wenn nicht sogar ein Jahr oder länger in den Fängen dieser Monster gewesen sein. Ein ganz normaler Mensch hätte diese Tortur womöglich nicht überlebt und obwohl ich nicht nachprüfen konnte, ob er Magie in sich trug – dazu hätte ich sein Blut analysieren müssen – nahm ich es an. Wahrscheinlich hatte er gerade so viel, um diesen Biestern ins Auge gefallen zu sein, aber nicht genug, um damit richtige Magie zu wirken. Aber für diese These wollte ich meine Hand nicht ins Feuer legen, daher ging ich lieber auf Nummer sicher.

Um ihn auch in Zukunft besser zu schützen, griff ich nach meiner Injektionsspritze, die ich für solche Fälle immer bereit hatte und rammte sie ihm in den Oberarm. Da sich Vampire, Werwölfe, Feen und andere Wesen nicht nur an den hübschen Leuten vergriffen, sondern vermehrt auch an Menschen mit stärker magischer Energie, hatte mein Cousin eine Kapsel aus kleinsten Achat-Splittern hergestellt und diese mit einem Schutzzauber belegt, um Magie affinere Menschen zu verhüllen. Auch ich hatte diese Stein-Kapsel in meinem Oberarm und damit verbarg er alle meine magische Energie vor den Monstern. Denn übernatürlich Wesen kreisten um sie, wie Motten ums Licht. Die meisten Menschen mussten sich keine Sorgen darüber machen, sie wurden nie belästigt, da ihre Magie so gering war, dass sie ihnen ihr Leben lang nicht einmal auffiel. Andere, wie dieser Kerl hier vor mir, hatte weniger Glück gehabt.

Zum Abschluss strich ich über die injizierte Stelle, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete mich. „Mach es gut und pass in Zukunft besser auf dich auf.“
Statt einer Antwort, riss er erneut erschrocken die Augen auf, da ihm wohl bewusst wurde, dass er nun wieder alleine sein würde. An der Tür, drehte ich mich nochmal um. „Keine Angst. Alles wird gut. Ein Freund kommt vorbei und wird sich um dich kümmern.“
Dann schlüpfte ich aus der Tür und in die noch immer dunkle Nacht hinaus.

 

 

Weiter zum 2. Kapitel … folgt noch »»

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[Glasgow RAIN] 1 Kapitel

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1. Erster Blick

„Liebe auf dem ersten Blick
ist ungefähr so zuverlässig wie
Diagnose auf den ersten Händedruck.“
(George Bernard Shaw)

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Mit einem Knall, der durch das ganze Haus hallte, schlug ich die Schlafzimmertür hinter mir zu und schloss sie mit einer geübten Handbewegung ab.
„Victoria! Mach sofort die Tür auf! Diese Diskussion ist noch nicht beendet“, brüllte mein Vater, während er mit der Faust so hart gegen die Tür hämmerte, dass das Holz ächzte. Ich zuckte zurück und war froh, dass die Tür zwischen uns war, jetzt, wo er seiner Wut freien Lauf ließ. So schnell, wie das ungute Gefühl kurz in meiner Brust aufflammte, so rasch verschwand es auch wieder. Müdigkeit erfasste mich, und ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand, ließ den Kopf zurückfallen und schloss die Augen. Kopfschmerzen kündigten sich an. Heftige, stechende Kopfschmerzen hinter dem rechten Auge – wahrscheinlich verursacht durch unseren Streit, den wir seit einigen Minuten, die mir aber wie Stunden vorkamen, führten.

Angefangen hatte alles mit der letzten Party, auf der ich seiner Meinung nach zu lange geblieben war. Mein alter Herr hatte ein riesiges Affentheater veranstaltet und wie am Spieß gebrüllt, weil ich nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause gewesen war. Ich hätte um ein Uhr zurück sein sollen, aber ich hatte gewusst, dass es knapp werden würde. Was ich ihm – zu meiner Verteidigung – auch bereits im Voraus angekündigt hatte.

Cailean und ich hatten vor einigen Tagen unseren achtzehnten Geburtstag in der Villa seiner Eltern, den Murdochs, nachgefeiert. Unser beider Geburtstag lag aber genau in den Sommerferien, am 31. August. An sich ein tolles Datum für Poolpartys, aber auch schlecht, da sich zu der Zeit meist alle Freunde in anderen Ländern oder gar anderen Kontinenten befanden.

Nicht nur das Datum meiner Geburt, sondern auch der genaue Zeitpunkt war speziell, was ich schon immer interessant fand. Einerseits, da ich um Punkt Mitternacht zur Welt gekommen war, und andererseits, weil ich während eines ‚Blutmondes‘ geboren wurde. Den Begriff benutzten Fachleute für eine seltene Mondfinsternis, in der der Himmelskörper als kupferrote, mystische Scheibe am Firmament steht. Als ich mich zu dem Thema im Internet schlaumachte, stieß ich dabei auf bizarre Artikel über Sekten, Hexenkreise oder andere Fanatiker. Mich brachte dieser Aberglaube schon immer zum Schmunzeln und zum Kopfschütteln.

Unsere Party hatte – wie erwartet – lange gedauert, war mit hämmernder Musik laut und vor allem auch besonders feuchtfröhlich gewesen. Trotzdem rechnete ich nicht damit, dass es bereits halb sechs am Morgen sein würde, als mich Cailean in ein Taxi steckte, das mich nach Hause fuhr. Um diese Zeit war mein Vater bereits für die Arbeit fertig und schlüpfte gerade in seinen Mantel. Dass ich grün und blass im Gesicht war, verbesserte die Situation nicht besonders, oder dass ich dümmlich wie ein Huhn gackerte und kicherte, bis sich schlussendlich mein Innerstes nach außen kehrte. Ausgerechnet auf seinen maßgeschneiderten Anzug, die Schuhe und die Aktentasche, die hinter ihm stand.

Was ich für eine Millisekunde ganz lustig fand, verlor aber seinen Witz, nachdem ich in sein hochrotes, wütendes Gesicht blickte. Bevor er zu schreien begonnen hatte, pochte die Ader an seinem Hals, und seine Hand hatte gezuckt, als würde ein Faden in ihm reißen und er nach mir schlagen wollen. Aber er hatte es nicht getan – er tat es nie. Zu meinem Glück hatte er sich damit begnügt, lauthals zu schimpfen und mich böse anzufunkeln. Wie so oft, auch wenn ich einmal nicht die missratene Tochter war, die nie an seine hohen Vorstellungen herankam.

Damit konnte ich leben, und ich war es gewöhnt – besonders seit dem Tod meiner Mutter. Doch ich nahm es ihm nie krumm, etwas zu streng zu sein, immerhin musste er sich genauso alleine und verletzt fühlen wie ich. Nicht, dass wir darüber sprachen – so innig war unsere Beziehung nicht. Aber es war nicht nur meine Mutter gestorben, sondern auch seine Frau, die nichts und niemand ersetzen konnte. Weder Geld noch Freunde und noch nicht einmal seine kleine Tochter – oder nun schon eher seine fast erwachsene Tochter.

Deshalb tobte mein Vater erneut und war nicht begeistert über die anstehende Feier am heutigen Abend. Unsere Debatte, ob ich auf die Sommerschlussfeier unserer Schule gehen durfte, dauerte bereits länger, als von mir geplant. Das Fest war seit Jahren Tradition auf der „Highschool of Glasgow“. Es war keine gewöhnliche Party, sondern ein Event, bevor die Schule wieder anfing und der Alltagstrott einen einholte. Außerdem musste man einfach anwesend sein, ob man wirklich wollte oder nicht. Alles andere kam einem sozialen Selbstmord gleich, und den wollte ich in meinem letzten Highschool Jahr nicht begehen.

Wenn ich aber ehrlich zu mir war, wollte ich den Abend lieber zu Hause verbringen, mit einem spannenden Film und einer Schüssel Popcorn im Schoß oder mit einem guten Buch, anstatt mich wieder unnötig zu betrinken. Sicher könnte ich den Abend auch ohne Alkohol verbringen, aber dann würde er weniger Spaß machen, und die Nacht würde nur zur Qual werden – außerdem erwartete man es sowieso von mir. Jeder hatte seine Rolle vorzuführen, und ich spielte meine mit Bravour. Das Netz aus Oberflächlichkeiten gab mir auf bizarre Art Sicherheit und Schutz, da ich mich auf dem Terrain auskannte, das man auch Highschool nannte. Zusätzlich verbarg es meine Gefühle und Gedanken vor den ganzen Ratten und falschen Biestern an der Schule. Was will man mehr?

Um also mein Leben in der Schule wie gewohnt weiterführen zu können, sollte ich mich auf der verdammten Party blicken lassen. Koste es, was es wolle. Und, um das zu erreichen, musste ich wohl oder übel meine Nummer „das arme Kind“ abziehen. Deshalb motzte ich auch nicht „Nenn mich bitte nicht mehr Victoria“ zurück, sondern schluckte die Worte wie zähflüssigen Brei hinunter.

Mein Name hatte mir noch nie gefallen, und alle anderen nannten mich seit Jahren schlicht und einfach Vic. Nur mein Vater weigerte sich und nannte mich beharrlich Victoria. Er selbst hatte diesen Namen ausgesucht, da er eine Vorliebe für diese – seit Ewigkeiten – verstorbene Königin hatte. Andere Männer schwärmten von heißen Schauspielerinnen oder Sängerinnen, mein Dad ausgerechnet für tote Adelige.

Ich schob meinen Unmut beiseite, blies mir eine Strähne aus den Augen und zauberte ein strahlendes, hoffentlich gewinnendes Lächeln auf mein Gesicht, das auch Michelangelo nicht besser hätte malen können. Als ich die Tür öffnete, blickte ich in das vor Ärger gerötete Gesicht meines Vaters, den bekannten und reichen Alistair McKanzie.

Obwohl er schon fünfundfünfzig Jahre zählte, sah er für sein Alter noch ansehnlich und kräftig aus. Wie er da mit breiten Schultern vor mir stand, spürte ich wie immer sein unerschütterliches Selbstvertrauen, das man wohl nur durch ungewöhnlichen Erfolg oder ein großes Vermögen bekommen konnte. Seine blonden, kurzen Haare waren penibel nach hinten gekämmt, mit einer dezenten Andeutung eines Seitenscheitels. Fragend musterten mich seine zusammengekniffenen Augen. Doch er blieb stumm und wartete ab, wie mein nächster Schachzug wohl aussehen würde.

Reumütig und mit taktisch eingesetztem Augenaufschlag brabbelte ich meine Phrase herunter, in der Hoffnung, den Sieg im Streit davonzutragen.
„Dad, es tut mir leid! Ich hätte dich nicht anschreien dürfen. Manchmal bin ich zu aufbrausend und verbeiße mich. Aber das alles ist … auch für mich nicht so einfach. Es ist das letzte Schuljahr und … und sie fehlt mir.“
Meine Stimme brach. Ich schluckte überrascht den Kloß hinunter, der sich bilden wollte, und, wäre es nur eine Show gewesen, hätten mich meine schauspielerischen Fähigkeiten begeistert. Dem war aber nicht so, und deshalb versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Ganz sicher würde ich nach all den Jahren nicht jetzt zu heulen anfangen, schon gar nicht vor meinem Dad.

Als ich die Worte jedoch ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie ehrlich sie gemeint waren. Das war mein letztes Schuljahr, in dem mir meine Mutter hätte beiseitestehen sollen. Genauso, wie bei so vielen anderen Dingen auch, die ich aber alleine herausfinden musste: Wie bekomme ich Kaugummi aus den Haaren, wie putze ich meine Zahnspange richtig, wie tröste ich mich nach dem Tod von Bambis Mutter, oder wie finde ich den passenden BH. Ich hatte so viele Fragen als Kind, als Teenager oder auch jetzt und hätte meine Mum gebraucht – oder einen verständnisvolleren Dad. Aber alle Krisen hatte ich alleine überstanden, und daran würde sich auch in Zukunft nichts ändern, davon musste ich überzeugt bleiben.
Ich atmete ruhig durch, sperrte unerwünschte, schwache Gefühle tief in mir ein und redete rasch weiter.
„Außerdem weißt du, dass alle von der Schule dort sein werden und ich ebenfalls dabei sein muss. Nach Mums Tod bin ich schon einmal das Gesprächsthema Nummer eins gewesen, und ich habe keine Lust, das zu wiederholen. Cailean wird auch dort sein. Du magst ihn doch. Also darf ich bitte, bitte auf die Feier gehen?“
Noch bevor ich den Satz zu Ende gesprochen hatte, wusste ich, dass ich ihn in der Tasche hatte. Seine Augen wurden weicher, wie auch sein brummiger Tonfall, der an einen alten Bären erinnerte.
„Victoria, es kann sein, dass ich manchmal zu streng bin und es wirkt, als wolle ich dich einsperren. Aber du machst es mir nicht immer leicht.“
Damit hat er gar nicht so unrecht. Doch diesen Gedanken behielt ich lieber für mich, um ihn nicht zu ermutigen, meine Fehler aufzulisten.
Mit einem strengen Blick fügte er hinzu: „Falls du dich benehmen kannst, darfst du gehen. Sag Cailean, er soll seinen Vater grüßen, ihn an unser Treffen kommende Woche erinnern und ein Auge auf dich haben. Ich will nicht, dass wieder geschwatzt wird.“
Erfreut schaute ich zu ihm hoch.
„Natürlich, danke! Ich werde mich ganz sicher gut benehmen. Pfadfinderehrenwort.“
Er blickte mich einen Moment mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck an, und ich wusste, auch er war sich darüber im Klaren, dass ich nicht ganz so anständig sein würde. Danach drehte er sich um und verschwand in Richtung seines Arbeitszimmers.
Die Freude über den Sieg währte nicht lange, denn gleich darauf stieg Bitterkeit in mir auf, wie Galle, die alles verätzte. Ich wünschte mir, er würde sich wirklich Sorgen um mich machen. Aber ich wusste, dass er sich mehr um das Gerede und die Meinung seiner reichen Freunde sorgte.

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Um von dem trübseligen Gedanken loszukommen, stürzte ich mich in eine andere Welt, in ein fantastisches Reich voll Träume, Liebe und Hoffnung – in mein Lesezimmer.
Die Tür zu dem kleinen Raum befand sich zwischen meinem rosa-weißen Himmelbett und dem weißen Schminktisch und gab den Weg in meinen „Träumereibereich“ frei. Hier erlaubte ich mir, mich fallen zu lassen und in die faszinierende Welt unzähliger Geschichten zu versinken. An Träume und Hoffnungen zu glauben, die ich mir im normalen Leben verbot. Lebte bei unzähligen Figuren und ihren Kämpfen mit, fieberte mit den verschiedensten Liebespaaren oder lachte mit den Narren – alle Figuren und alle Bücher gaben mir Hoffnung auf mehr Sinn im Leben, Zuversicht und Trost in bitteren Stunden. Hier war ich offen und frei – und hier durfte auch sonst niemand hinein.

An zwei Seiten meines kleinen Reiches befanden sich hohe Bücherregale, die bereits zu drei Viertel gefüllt waren. Ich strich mit den Fingerspitzen über den Rücken lieb gewordener Bücher und kuschelte mich dann auf die Couch direkt vor das Fenster, das durch blaue und violette Vorhänge verdunkelt wurde. Ich begann, in einem Buch zu lesen, konnte mich aber nicht konzentrieren. Daher stand ich auf und nahm die losen Zettel mit Ideen und Geschichten in die Hand, die über den ganzen Tisch neben der Couch verstreut lagen. Ich war so unruhig, mein Bauch verkrampfte sich, und meine Haare fielen mir ständig ins Gesicht. Das ging so lange, bis ich sie genervt schnappte und zu einem Pferdeschwanz band.

Die Party lag mir schwer im Magen, doch mir blieb nichts anderes übrig, als hinzugehen. Denn ich konnte mich noch zu gut daran erinnern, wie es war, in der Schule eine Außenseiterin zu sein. Besonders schlimm war die Zeit gewesen, nachdem ich mit zehn Jahren an meine jetzige Schule wechselte und nach einem halben Jahr alle vom tragischen Tod meiner Mutter erfuhren. Vorher war ich „normal“ und eine unter vielen gewesen, ohne aufzufallen, was mir ganz recht war. Aber danach wurde ich schief angesehen und gemieden, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte. Auch von Mädchen wie Cecilia oder Bethany, die vorher meine Freundinnen gewesen waren. Oder zumindest hatte ich das gedacht. Dabei waren die Blicke nicht das Schlimmste gewesen, sondern das gemeine Getuschel – als wäre ich taub und hätte es nicht hören können. Es war eine bittere Zeit ohne Freunde gewesen, aber das Gute daran war, dass ich aus ihr gelernt hatte und nun wusste, wie man sich auf sich selbst verließ.

Als es Zeit wurde, mich schick zu machen, ging ich zum Duschen in das angrenzende Badezimmer. Die nachtschwarzen Marmorböden und das weiße Waschbecken glänzten mit den polierten, goldverzierten Armaturen um die Wette. Länger als nötig stand ich unter dem Wasserstrahl und genoss ausgiebig die wohlige Wärme, die mir meist nur in den Momenten unter der Dusche vergönnt waren. Hier im Norden war nicht nur das Wetter eisig, auch das Gefühl in mir war kalt wie feuchter Nebel, der sich viel zu oft durch Glasgow schlängelte und sich auch vom ständigen Regen nicht vertreiben ließ.

Fluchend hüllte ich mich in ein zu kleines Badetuch, welches mir gerade einmal über die Brust bis knapp unter das Hinterteil reichte. Wie schon häufiger in den letzten Wochen fehlten die großen Badetücher. Ich runzelte die Stirn, als ich mich nach dem Grund fragte. Einerseits empfand ich es als äußerst unangenehm, halb nackt durch den Flur zu laufen. Andererseits stachelte es meine Neugierde an, da so etwas normalerweise nie vorkam und Mrs Rodriguez, unsere Hausangestellte, immer einen einwandfreien Job machte.
Irgendetwas war anders – die fehlenden Badetücher, die anders zusammengefaltete Wäsche, Kleidung auf einem falschen Stapel. Ich nahm mir vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Fröstelnd und mit nassen Haaren flitzte ich in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir, völlig in Gedanken bei dem ungelösten Problem mit den Badetüchern. Als ich mich umdrehte und gerade mein knappes Handtuch lösen wollte, lief ich ungebremst gegen etwas – steinhart, aber trotzdem weich, groß, angenehmer Geruch. Plötzlich hörte ich einen Fluch aus einer männlichen Kehle, was mich in die Wirklichkeit zurückholte.

„Aua! Verdammt!“
Mit hämmerndem Herzen machte ich einen Sprung zurück und schaute in ein überraschtes, wie auch schmerzverzerrtes Gesicht. Mein Puls raste nur noch schneller, als ich in die großen, tiefschwarzen Augen blickte, die mich jetzt nicht mehr überrascht, sondern eher verschmitzt ansahen. Bevor ich etwas fragen konnte, plapperte der Typ, der mir beinahe einen Herzinfarkt beschert hätte, gutgelaunt los.
„Ich hab ja gewusst, dass man bei der Arbeit mit allem rechnen und sich versichern lassen sollte, aber von speziellen Unfallversicherungen für das Trampeln auf den großen Zeh habe ich noch nichts gehört. Ich dachte schon fast, der wäre gebrochen.“

Noch immer sah ich den Kerl vor mir wie in Trance an, obwohl ich ihn kannte. Nur hatte ich ihn bisher noch nie so nah und vor allem so genau angesehen. Seine Haare waren wie die Augen, fast schwarz wie die Nacht, aber mit einem dunkelbraunen Schimmer, und hingen ihm leicht gewellt und zerzaust in die Stirn und über die Ohren.

Ich wusste, dass er Rafael hieß und gemeinsam mit seiner Mutter, Mrs Rodriguez, im Angestelltenhäuschen am Rande unseres Grundstückes wohnte. Sie war unsere Haushälterin, und das bereits seit Jahren, doch das bedeutete in unserer Welt noch lange nicht, dass Rafael und ich Freunde waren oder irgendetwas miteinander zu tun hatten. Seine Mutter arbeitete für meinen Dad, aber was hatte ihr Sohn in meinem Zimmer zu suchen? Erneut riss mich seine Stimme aus den Gedanken.

„Princesa, wenn du jetzt hoffst, dass ich dir die Kleider – oder in deinem Fall das Badetuch – herunterreiße, um … na ja, du weißt schon was zu tun …“
Er unterdrückte ein Lächeln und tat sich sichtlich schwer, ernst zu klingen.
„… dann verlange ich aber eine Gehaltserhöhung für außerordentliche Dienste während der Arbeitszeit.“
Er hielt das anscheinend für äußerst komisch. Sein Grinsen wurde breiter und zeigte mir strahlend weiße Zähne hinter vollen Lippen. Unter normalen Umständen hätte ich ihm bereits eine schnippische Antwort entgegengeschleudert, aber ich hatte aus mir undefinierbaren Gründen die Stimme verloren. Was mir nie passierte, egal, wie heiß ein Typ auch aussah. Aber in diesem Augenblick schien alles andere zu verblassen, und ich konnte nur noch in seine dunklen Augen sehen. Sie waren derart bodenlos, dass es mich hätte beunruhigen sollen. Doch sein durchdringender Blick nahm mich gefangen und schmiegte sich wie eine warme Decke um meinen ausgekühlten Körper – so, als würde er wirklich mich sehen. Was mich am meisten an der Situation bestürzte, war die Tatsache, dass ich ihn schon so lange aus der Ferne kannte, aber er mir nie aufgefallen war. War ich so selbstverliebt und ichbezogen? Oder hatte sich in seinem Blick mir gegenüber etwas verändert?

Obwohl Rafael mit seiner Mutter in der Nähe wohnte, hatten wir noch nie ein längeres Gespräch geführt. Mrs Rodriguez war einige Wochen nach dem Tod meiner Mutter eingestellt worden, und in dieser Zeit hatte ich keinen Gedanken an andere verschwendet, sondern war in Trauer und Selbstmitleid verfallen. Als ich später mit ihm spielen wollte oder Mrs Rodriguez nach ihm fragte, vertröstete sie mich immer oder entschuldigte sich höflich. Irgendwann gab ich es dann auf, einen Spielgefährten in ihm zu suchen.

Über die Jahre blieb es bei kurzen Begrüßungen, wenn wir uns zufällig begegneten. Das war an sich seltsam, wenn man bedachte, dass Rafael sogar an der gleichen Schule war. Doch dort war ich nicht die Einzige, der er aus dem Weg ging. Er befand sich immer abseits, redete kaum mit jemandem, tippte lieber auf seinem Handy und hatte, soweit ich wusste, nur Freunde außerhalb der Schule. Um mein zeitweise aufflackerndes Schuldgefühl zu dämpfen, redete ich mir erfolgreich ein, dass er uns reiche Kids sowieso nicht leiden konnte. Zu meiner Schande musste ich auch gestehen, dass ich mir in den letzten Jahren nie viele Gedanken über ihn gemacht hatte, sondern nur darüber, wie seine Mutter das Schulgeld für ihn aufbringen konnte. Wir waren wie zwei Planeten, die zwar in der gleichen Umlaufbahn schwebten, sich aber nie trafen.

Bis heute – als hätte das Schicksal einen anderen Plan für uns. Denn nun standen wir hier in meinem Zimmer – ich halb nackt, er mit Schmerzen – und führten unser erstes, wenn­gleich auch einseitiges Gespräch. Mit amüsierter Stimme sprach er weiter und überbrückte das peinliche Schweigen.

„Kannst du auch reden, oder bist du nur zur Deko hier?“
Noch immer blickte ich ihn verdattert an und konnte meine Erstarrung nicht lösen, obwohl ich wahrscheinlich schon wie eine Bekloppte aussah und den Eindruck machen musste, als sähe ich das erste Mal einen Menschen.
Sein Lächeln verblasste, und er fuhr sich durch die Haare, um sich Strähnen aus dem Gesicht zu wischen, die ihm in die Augen hingen. Doch seine offensichtliche Ratlosigkeit aufgrund meines stummen Verhaltens hielt ihn nicht davon ab, weiterzuschwafeln.
„Also irgendwie machst du mir langsam Angst. Ich weiß, dass ich recht passabel aussehe, aber so wie du hat mich noch niemand angestarrt. Ehrlich gesagt schaust du so aus, als hättest du noch nie einen Mann gesehen.“

Verdammt! Ich stand komplett neben mir. Aber eigenartigerweise kam es mir tatsächlich so vor, als würde ich zum ersten Mal jemanden wie ihn sehen. Er sah exotisch aus und passte rein äußerlich gar nicht zu den Menschen im rauen Klima Schottlands. Die Leute hier waren blass, hatten helle Augen, helle Haut und meist blonde, rote oder hellbraune Haare. Doch er wirkte deplatziert mit seinen dunklen Haaren und der gebräunten Haut, die eher an einen ‚Latin Lover’ erinnerte, als an einen schottischen Naturburschen.
Eine Augenbraue hochgezogen, holte er mich wieder aus meinen Gedanken.
„Princesa, du weißt schon, dass ich nur Spaß gemacht habe, sí? Ich reiß dir schon nicht die Kleider vom Leib. Das würde ich bei dir nie machen.“
Interessant! Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und hob ebenfalls eine Braue. Schnell wedelte er beschwichtigend mit den Armen und setzte hastig fort: „Nicht, dass du hässlich wärst und ich nicht wollte. Ich würde es tun … wirklich … wenn … Ich meine, du …“
Schnell rieb er sich über den Nacken, als könnte das helfen, den Kopf aus seiner Schlinge zu befreien.
„… du bist hübsch … wirklich, sogar sehr … niemand würde dich von der Bettkante schubsen.“
Er stieß kurz Luft aus, als wäre er einen Marathon gelaufen. Dann versuchte er es wieder mit einem Lächeln, das so entwaffnend charmant war, dass mir der Atem stockte, und das sogar vorsichtige, alte Frauen dazu bringen würde, ihm ihr ganzes Erbe zu vermachen.

Langsam wurde mir das alles zu viel. Nicht nur sein Verhalten oder die Sprüche, sondern mein eigenes untätiges Herumstehen. Ich hatte meine Gefühle sonst immer im Griff und ließ mich nicht zügellos von ihnen führen, sondern umgekehrt. Aber er war wie ein Wirbelsturm über mich und meine Regeln hinweggefegt, und das musste enden – sofort.
Beschämt von meiner eigenen untypischen Reaktion und getrieben durch die Hitze, die in meinen verräterischen Wangen aufstieg, machte ich das Einzige, das mir in den Sinn kam, um dieser Situation einigermaßen würdevoll zu entkommen. Geschürt durch Wut auf ihn oder besonders auf mich, setzte ich zum Angriff an und fauchte, so verächtlich, wie es mir möglich war.
„Ganz ruhig mit den jungen Pferden, Casanova!“
Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, und meine Stimme wurde lauter.
„Was bildest du dir ein? Lauerst mir in meinem Zimmer auf, um was weiß ich zu tun, und dann kommst du auch noch mit so blöden Sprüchen?“
Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden, und es tat äußerst gut, sie zu hören. Besonders, als ich beobachtete, wie seine Augen immer größer wurden. Richtig in Fahrt gekommen, sprudelte meine aufgestockte Scham als Zorn aus mir heraus, und ich schrie beinahe, um meine eigene Unfähigkeit zu vergessen.
„Was zur Hölle machst du eigentlich in meinem Zimmer? Spionierst du herum, oder warst du gerade dabei, mir Sachen zu klauen?“
Schlechtes Gewissen regte sich sofort in meinem Inneren, nachdem ich die verletzenden Worte ausgesprochen hatte. Aber ich unterdrückte es und hielt meinen Blick fest auf ihn gerichtet. Zischend stieß er die Luft aus und spannte seine breiten Schultern an, sodass er fast vibrierte. Der Knoten in meinem Magen verhärtete sich. Abneigung mischte sich in seine vorhin noch lockende, tiefe Stimme.
„Das ist Schwachsinn! Ich würde nicht mal auf die Idee kommen, hier etwas anzufassen! Ich habe gearbeitet und habe gerade die frische Wäsche nach oben in Ihren Schrank gebracht.“
Sie mal einer an. Jetzt war ich kein Mädchen mehr, das man ausziehen konnte, sondern eine Frau, die er mit Sie ansprach. Dieses Spiel konnten auch zwei spielen, wenn er es darauf anlegen wollte. Mit herablassendem Tonfall und erhobenem Kinn formulierte ich meine Retourkutsche.
„Gut, wenigstens eine sinnvollere Tätigkeit, als jungen Frauen nachzustellen. Trotzdem würde es mich interessieren, ob mein Vater weiß, dass Sie für ihn arbeiten? Haben Sie irgendeine Erlaubnis? Soweit ich weiß, ist Ihre Mutter bei uns angestellt und sonst niemand. Da gibt’s doch sicher irgendwelche Vorschriften.“

Nicht, dass ich meinem Vater auch nur ein Wort sagen würde – ich war keine Petze, und ich würde ganz bestimmt nicht zu meinem Daddy laufen – aber das musste Rafael ja nicht wissen. Das hier war ein Spiel, das ich beabsichtigte zu gewinnen, nachdem der Start schon so miserabel gewesen war. Kurz verzog er seine Lippen, zuckte mit einem Lid, bevor sich sein Körper langsam wieder entspannte. Er musste ebenso bemerkt haben, dass die Situation gefährlich gekippt war, und er wirkte, als ob er jedes weitere Wort mit Bedacht wählen würde.
„No, es tut mir leid. Die Einwilligung Ihres Vaters habe ich nicht, also nicht offiziell.“
Er trat von einem Bein auf das andere, als suchte er nach der richtigen Erklärung.
„Es ist nur so, dass ich meiner Mutter manchmal aushelfe, wenn ihr die Arbeit zu viel wird in diesem riesigen Haus.“
Die Verärgerung in seiner Stimme war nicht zu überhören, obwohl er seidenweich schnurrte wie ein Kater.
„Bitte, ich wäre Ihnen, Miss McKanzie, sehr verbunden, wenn Sie es Ihrem Vater nicht erzählen würden, dass ich sporadisch bei der Arbeit helfe. Es sind nur Kleinigkeiten, ich schwöre es. Ich will nicht, dass meine Mum Ärger bekommt.“
Flüchtig sah ich von meinen Fingernägeln auf, die ich zuvor provokativ studiert hatte, und antwortete ihm so kühl es meine Stimme und meine verwirrten Gefühle zuließen.
„Ich werde darüber nachdenken, ob und was ich ihm erzähle.“
Mein Benehmen schien ihn erneut aufzuregen, was ich verstehen konnte – immerhin hatte ich es darauf angelegt, quasi als Retourkutsche. Denn nun ballte er die Fäuste und starrte mich an, als ob er mich erwürgen könnte. Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, um das Grinsen zurückzuhalten, das sich bilden wollte. Einerseits spürte ich unnachgiebig schlechtes Gewissen in mir hochkommen, aber andererseits tat es auch verdammt gut, ihn in die Schranken zu weisen und seinen Höhenritt etwas zu bremsen. Angestachelt durch seine Reaktion, sprudelten die nächsten Gemeinheiten aus mir heraus, bevor ich mich stoppen konnte.

„Bevor Sie gehen, hätte ich aber noch eine Frage. Kann es sein, dass Sie erst seit Kurzem bei der Arbeit helfen?“
Dabei klang ich wie eine dieser typischen, reichen Tussen, die ich von den früheren Besuchen aus dem Country Club kannte und verachtete. Erst vor zwei Jahren schaffte ich es, mich bei meinem Dad durchzusetzen, sodass er mich nicht mehr dorthin mitschleppte.
„Mir ist nämlich aufgefallen, dass nun schon öfter die großen Badetücher fehlen. Kümmern Sie sich besser darum, wenn Sie mich um irgendeinen Gefallen bitten wollen.“
Wie eine filmreife Diva trat ich einen Schritt beiseite und deutete mit dem Kinn auf die Tür.
„Das ist alles. Wenn Sie jetzt bitte mein Zimmer verlassen würden.“
Sein Anblick war ein Bild für Götter. Die Hände waren noch immer zu Fäusten geballt, die Unterarme fest angespannt, wodurch man die Muskeln zucken sah, und die Schultern waren steif. Mit zusammengebissenen Zähnen eilte er zur Tür, und seine Stimme klang eisig, als er mir antwortete: „Sí, natürlich, Miss McKanzie.“
Dann nahm er Reißaus und stapfte den Flur entlang. Trotzdem konnte ich sein leises Gemurmel hören.
„Ja, Eure Hoheit, ganz zu Euren Diensten. Dann werde ich auch gleich die Pferde satteln und Eure Kronjuwelen polieren …“
Der Rest wurde durch die Distanz verschluckt, und es blieb ein verächtliches Schnauben in der Luft zurück, als sein dunkler Haarschopf die Treppe hinunter verschwand. Sehr gut, den Typen hatte ich in die Flucht geschlagen, und würde ich wohl länger nicht mehr sehen – gemeinsam mit den irritierenden Gefühlen, die er in mir ausgelöst hatte und die ich nicht gebrauchen konnte. Eigentlich wollte ich die Tür zum zweiten Mal am heutigen Tag hinter mir ins Schloss knallen, aber meine zittrigen Finger schlossen sie gespenstisch leise.

Jetzt, wo er weg und unsere hitzige Diskussion zu Ende war, griff wieder die Kälte nach mir, stärker als zuvor. Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen, die ich zu reiben begann, während ich im Zimmer auf und ab tigerte. Immer wieder spielte sich die Szene vor meinem inneren Auge ab. Meine vorhin verspürte Zufriedenheit wich schlechtem Gewissen, und ich wusste, dass ich mich wie eine verwöhnte, dumme Göre benommen hatte.

Aber was hätte ich sonst tun sollen, um ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen und ihn wegzustoßen? Er hatte sich hier eindeutig zu wohl gefühlt, und ich musste doch etwas unternehmen, um ihn aus dem Zimmer zu bekommen. Mit einem tiefen Seufzer fiel ich auf das Bett und vergrub mein Gesicht in den riesigen Daunenpolstern. Egal, aus welchem Grund und wegen welcher Gefühle ich das alles getan und gesagt hatte – mit dieser Aktion hatte ich eindeutig den ersten Preis in der Kategorie „verwöhntes Miststück des Jahres“ gewonnen.

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[Essenz der Götter] 1. Kapitel

Leseprobe zu „Essenz der Götter I“

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Prolog

 

Jahrelang hat sie sich gewehrt hierher zu kommen. Zu Leuten, die behaupten, wie sie zu sein. Doch nun steht sie hier, mitten unter ihresgleichen und alle starren sie mit neugierigen Blicken an. Als sie in all die fremden Gesichter um sich herum blickt, bezweifelt sie, dass ihr viele wohlgesonnen sind. Aus ihren Augen ist das Gegenteil zu lesen. Aber das ist nicht das Schlimmste, sondern die Stimmung die über dem Lager liegt. Loreen kann es fühlen bis ins Mark – sie trauen ihr nicht, kein bisschen. Aber wer könnte ihnen das verübeln, nachdem sie damals abgehauen ist und sie im Stich gelassen hat?

Auf keinen Fall werde ich Schwäche zeigen, das können sie sich abschminken! Unter den Argusaugen der Schaulustigen nähern sie sich dem Zentrum des Dorfes. Oder der Insel? – Was auch immer, sie hat keine Ahnung. Genau weiß sie noch nicht, wo sie sich befinden, aber das wird sie schon noch herausfinden – und zwar bald.

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Damals

 

1. Kapitel

 

Loreen

Bereits seit Wochen war sie in diesem elenden Kinderheim und hielt es fast nicht mehr aus. Ihr Leben war ein einziger Scherbenhaufen und jetzt, wo alles, was sie brauchte, eine bekannte Umgebung war, hatten die Idioten von Beamten sie mitten ins Nirgendwo in ein Kinderheim geschleppt. In ein Kinderheim, verdammt nochmal! Sie war bereits siebzehn und schon lange kein Kind mehr. Ihre Kindheit hatte genau am zweiten April, einem warmen, sonnigen Tag voller Schmetterlingen und Frühlingsduft geendet. Wer hätte das gedacht? Vor sieben Monaten, sechzehn Tagen und vierzehn Stunden – seitdem war nichts mehr wie zuvor.
Sie war gerade mit Jamie Zuhause gewesen und sie hatten zusammen neben zwei leeren Pizzakartons einen Horrorfilm geguckt, um sich die Zeit zu vertreiben, bis ihre Adoptiveltern, die sie bereits als Baby zu sich genommen hatten, von einem Tagestrip nach Hause kamen. Loreen hatte sich am Vortag mit Händen und Füßen gewehrt, mit auf die langweilige Ausstellung zu fahren, die Bilder von toten Künstlern zeigte. Ihre Mutter hatte zwar ein wenig geschmollt, als sie am Morgen alleine aufbrechen mussten, aber Loreen war zutiefst zufrieden mit sich selbst und ihrer Hartnäckigkeit gewesen. Sie hatte den Tag musizierend auf ihrer Klarinette, mit viel Lesen, Fernsehen und natürlich mit Jamie verbracht. Dann hatten sie gemeinsam auf ihre Eltern gewartet. Nur dass diese nie mehr zurückkamen. Stattdessen hatten um Punkt zehn Uhr abends zwei Polizisten und ein Psychologe an ihrer Tür geklingelt. »Sind sie Ms Earnest, die Tochter von Jill und Howard Earnest?«
Die Männer in Uniform hatten ihr eine Nachricht überbracht, die ihr das gewohnte Leben entrissen und für immer ein paar Schattierungen dunkler gemacht hatte. An den Rest des Abends konnte sie sich nicht mehr genau erinnern. Alles danach war eine verwischte Abfolge von Bildern, Tränen und schmerzhaften Gefühlen gewesen – vor allem Gefühle. Sie hielten ihr Herz noch immer in kalten Gliedern umklammert. Obwohl sie nicht ihre leiblichen Eltern waren, hatten sie ihr immer wieder gezeigt und gesagt, wie sehr sie sie liebten und der Schmerz ihres Verlustes wog unfassbar schwer.

Keine zwei Tage später wurde sie in das Kinderheim im verschlafenen Triptonville beim dunklen Reelfoot Lake gebracht, obwohl sie darauf bestanden hatte in der Nähe von Chicago zu bleiben. Wenn sie schon keine Familie mehr hatte, wollte sie bei der einzigen Konstante in ihrem Leben bleiben – bei ihrem Freund Jamie.
Loreen und er kannten sich bereits, seit sie noch ganz klein waren. Zuerst waren sie Nachbarskinder, dann beste Freunde und zu ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte sie ihren ersten Kuss von ihm bekommen. Natürlich nicht vor allen anderen oder ihren Eltern. Aber als er sich am Abend vor ihrer Haustür verabschiedet hatte, hatte er sie sanft näher gezogen und bevor sie reagieren konnte, hatte sie seine Lippen gespürt. Das war ihr Anfang gewesen. Sie waren auch jetzt noch ein Paar und Loreen wünschte sich bei ihm zu sein, die jahrelange Vertrautheit zu fühlen, auch wenn sie wusste, dass sie jetzt eine andere war als noch vor einigen Monaten. Vor allem vermisste sie sein sommersprossiges Gesicht mit den blauen Augen und den sommerhaften Duft seiner strohblonden Haare.

Doch die Behörden hatten kein Ohr für eine Siebzehnjährige gehabt und schickten sie weg, ohne lange Fragen zu stellen. Nun war sie im Garten des Heimes und blickte, den Kopf auf den Arm gelehnt, Richtung See, dessen ruhige Oberfläche im Licht der Sonne schimmerte. Die glatten Haare flatterten ihr in unruhigen Bewegungen ins Gesicht, als der Herbstwind über die Wiese blies. Genervt, wie sie es seit einer Ewigkeit war, griff sie schnaubend nach den losen Strähnen und wickelte unsanft ein Gummiband darum. Es kümmerte sie nicht, dass sie dabei einige Haare ausriss. Loreen hatte ihre Haare seit jenem Abend nicht mehr gefärbt. Daher glänzten die ersten Zentimeter komplett schwarz, um nach dem Ansatz in ein leuchtendes, dunkles Violett überzugehen. Sie konnte sich nicht mehr um solch unwichtige Dinge kümmern, genauso wenig darum, ihre gebogenen Augenbrauen nachzuzupfen oder auch nur daran zu denken, ihre dunklen Mandelaugen zu schminken. Das wäre zwar eine Unart für die alte, beliebte Loreen gewesen, aber die ›Neue‹ scherte sich einen Dreck um solche Äußerlichkeiten.

Vieles hatte sich verändert, aber was ihr zumindest noch blieb, war ihre Liebe zur Musik.
Seit sie im Heim war, hatte sie mit keinem Jugendlichen Freundschaft geschlossen. Loreen ging ihnen lieber aus dem Weg und nahm nur an den Pflichtveranstaltungen teil. Die restliche Zeit verbrachte sie alleine – trauernd, lesend und vor allem musizierend. Ihre Klarinette und ihr Saxophon waren beides Dinge, die sie fast täglich in die Hand nahm. Die restlichen Sachen in ihrem Zimmer lagen oft tagelang unberührt herum. Zum Glück musste sie das Zimmer seit einigen Wochen nicht mehr teilen, nachdem Loreens Zimmergenossin mit Beginn ihrer Volljährigkeit verschwinden durfte. Seitdem spielte sie oft in ihrem Zimmer, ließ sich vollkommen auf ihre Empfindungen beim Spielen der Instrumente ein und versank in einem Strudel aus Gefühlen und Emotionen. Wenn sie hier im Freien spielte, war sie nie lange allein. Die anderen kamen, um ihrem Spiel zu lauschen und versanken oft mit ihr in der Musik und in den Gefühlen, die diese auslöste; so als ob alle im gleichen Sog der Traurigkeit gefangen wären. Doch die ständige Belagerung und der Blick in die anderen traurigen Gesichter waren Loreen zu viel gewesen. Daher beschränkte sie sich nun darauf, alleine zu spielen – weggesperrt in ihrem Zimmer.

Schweigend und nachdenklich saß sie auf der Wiese, bis es zum Mittagessen läutete. Keine fünf Minuten später rief eine Heimerzieherin ungeduldig ihren Namen. Loreen raffte sich auf und schrie lauthals zurück: »Ich komm‘ ja schon!«

 

***

 

Slash

Sie waren gerade erst angekommen und schon jetzt kam ihm hier alles bizarr vor. Slashious hatte immer wieder Kontakt mit der Welt der normalen Menschen, aber von Mal zu Mal erschien sie ihm eigenartiger. Besonders in den letzten paar Jahren. Nun liefen immer alle mit diesen Dingern durch die Gegend, die sie Handys nannten, tippten darauf herum oder redeten irgendwelches Zeugs rein. Als ob das jemanden interessieren würde.
Slashious mischte sich nicht oft unter Menschen und wenn er einen Auftrag hatte, dann bestand der meist darin, sich abseits von Städten oder Siedlungen in ein Gefecht zu stürzen. Kämpfen war das, was er konnte und was ihm eine Form von Befriedigung verschaffte. Seit einiger Zeit schon, seit damals … Slashious musste die Zähne fest zusammenpressen, bis sie fast knirschten, um seine Gedanken und Gefühle hinunterzuschlucken.
Nicht jetzt, nicht hier! Am liebsten wäre er zu Hause geblieben oder hätte irgendwo gekämpft, auf Schädel eingeschlagen oder ein Messer geschwungen. Aber nein – Pure war für den Auftrag ausgewählt worden und somit saß auch er hier fest.

Ebenso wie Sky, der seinen ersten eigenständigen Auftrag ausführen durfte. Er war schon einige Mal mit Pure, ihm oder anderen auf Missionen gewesen und kannte sich ebenso gut in der Menschenwelt aus wie sie. Bislang war aber immer ein Aufpasser an seiner Seite gewesen, doch nun durfte er weitgehend eigenständig handeln. Sein Vorteil bei dem Auftrag war, dass er das richtige Aussehen hatte, um sich noch als Siebzehnjähriger ausgeben zu können. Das würden sie hier brauchen, um ohne Verdacht zu schöpfen bei den Jugendlichen im Heim herumschnüffeln zu können. Slash und Pure sollten von Seiten der Lehrer Ausschau halten und Sky als einer der Bewohner, um somit schneller ihr Vertrauen zu erlangen.
Sky rempelte ihn absichtlich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht an. »Slash! Jetzt steh hier nicht so rum wie eine Vogelscheuche! Grübeln kannst du nachher auch noch. Los komm, komm, komm! Lass uns die Operation ›Heimkehrer‹ durchführen! Ich bin schon so gespannt wie das wird.«
Sein jugendliches Gesicht erstrahlte voller Vorfreude und Skys grasgrüne Augen blitzen aufgeregt, während seine haselnussbraunen Haare leicht wippten. Slash seufzte und ein bekanntes Pochen kündigte sich in seiner Schläfe an. »Sky, beruhig dich. Erstens hat unsere Operation keinen Namen und wenn, dann bestimmt nichts so Offensichtliches wie ›Heimkehrer‹.«Seufzend schüttelte Slash den Kopf. Irgendjemand musste Skys Übermut dämpfen, um nicht alles zu gefährden. »Zweitens, konzentrier dich und hör auf, wie ein Verrückter herumzuhüpfen. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf uns lenken. Verstanden?«
Sky kam wieder näher an ihn heran und umkreiste Slash . Dabei zupfte er ihn kurz, aber schmerzhaft, an einer seiner schwarzen Dreadlocks, die er mit einem Lederband locker zusammengebunden hatte und die zwischen seinen hellbraunen Schultern lagen. »Verdammt! Sky …«
Hastig schnitt Sky ihm das Wort ab. »Ja, ja, ich weiß, Kumpel. Ruhe und Konzentration. Bla bla bla … Wie oft möchtest du mir das öde Mantra noch vorbeten? Sei nicht so ein Spielverderber. Wir wollen hier auch unseren Spaß haben. Ich weiß, du wolltest lieber einen anderen Auftrag, wo du Ungeheuer töten kannst und viel Blut spritzt. Aber jetzt sind wir hier. Sieh es als eine Art Urlaub.«
Sky stellte sich vor ihn und hob eine Augenbraue, als würde er auf eine Retourkutsche von Slash warten – die er auch prompt erhielt. »Richtig, du hast es erfasst. Ruhe und Konzentration! Du kannst hier kein Theater veranstalten, wie ein …«, sagte er, als im selben Moment Pure aus dem Zimmer stürmte, das sie als Lehrkraft im Heim zugeteilt bekommen hatte. Ihre eisblauen Augen schossen Blitze in ihre Richtung. »Jungs, haltet die Klappe! Ihr seid viel zu laut. Euch kann man überall hören. Konzentration und Ruhe. Und jetzt los!«
Mit schnellen Schritten marschierte sie an ihnen vorbei und eilte den Flur in Richtung Aula entlang, ohne einen Blick zurück zu werfen. Sky trottete mit eingezogenem Kopf und roten Wangen hinterher, während Slashs Hände sich zu Fäusten ballten und er leise murrend folgte: »Das Gleiche habe ich gerade gesagt.«

 

***

 

Die Kinder und Jugendlichen im Heim waren bereits ausgiebig mit ihrem Mittagessen beschäftigt, als er Pure und Sky in den Speisesaal folgte, der gleichzeitig die Aula war und somit den einzigen großen Raum für alle wichtigen Aktivitäten und Feiern darstellte. Sky bog bereits einige Tische vorher ab und suchte sich einen freien Platz unter den Jugendlichen. Sie hatten mit ihm wirklich eine geeignete Wahl getroffen; er passte gut hinein und wirkte nicht im Geringsten deplatziert. Wohingegen Slash sich wie eine verfluchte Witzfigur vorkam – in der steifen, unbequemen Hose, mit zugeschnürten Schuhen und einem braunen Pullover, der an seiner Haut kratze. Er vermisste seine Sandalen und das weiche, offene Leder um seinen Körper.
Pure und er nahmen am Tisch der Heimleitung und Lehrer Platz. Sofort vertiefte sich Pure in ein Gespräch mit den anderen Lehrkräften. Sie ging seines Erachtens etwas zu zielstrebig an die Sache, schoss es ihm durch den Kopf, als er einen Teil ihrer Unterhaltung mithörte. »Sind in letzter Zeit viele Jugendliche aufgenommen worden?« … »Aha, wie heißen die?«
Typisch Pure. Sie sprach nicht viel, aber wenn, nahm sie nie ein Blatt vor den Mund und war so direkt, dass ihm manchmal die Spucke wegblieb. Nicht nur, weil sie ehrgeizig und stur war, sondern auch der ungeduldigste Mensch, den Slash kannte. Sogar schon als Kind. Wenn sie damals zu dritt mit ihrem Bruder Fio Verstecken gespielt hatten, hatte sie nach zwei Mal Suchen einfach aufgehört und war mit den anderen Jungs Fangen spielen oder sich gegenseitig mit Beeren abschießen gegangen. Und er und Fio hatten stundenlang in den blöden Verstecken ausgeharrt, bis sie von den Erwachsenen zum Abendessen gerufen wurden.
Wieder erreichte ihn ein Gesprächsfetzen aus Pures Richtung: »Haben Sie besonders talentierte Kinder?« … »Interessant, ist Ihnen dabei etwas ›Komisches‹ aufgefallen?«
Bei den Göttern, das war definitiv nicht die langsam herantastende Art, von der sie vorhin gesprochen hatten. Unter dem Tisch gab er ihr einen Stoß gegen das Schienbein. Als sie zu ihm herüber blickte, bedeutete er ihr unauffällig mit der Hand, dass sie etwas langsamer machen sollte. Pure verzog zwar kurz den Mund und er konnte ihren Unmut in den eisblauen Augen aufblitzen sehen, aber sie nickte leicht, so dass nur er es sehen konnte. Als sie sich wieder an ihren Gesprächspartner wandte, war von ihrem stillen Disput nichts mehr zu merken. Während Pure sich nun subtiler mit dem Kollegium austauschte, um sich Informationen zu besorgen, ließ Slash den Blick über die Menge schweifen. Irgendwo hier musste jemand sein, der so war wie sie, hier im gleichen Saal. Aber wer nur?

Es waren geschätzte dreihundert Jugendliche und einen davon mussten sie finden, ohne dass es jemand von den anderen mitbekam. Schwierig, aber nicht unmöglich. Sein Blick wanderte zu Sky hinüber, der zwischen einem molligen, blonden Mädchen und einem dunkelhaarigen, hochgewachsenen Jungen saß. Sky schüttelte leicht den Kopf und Slash schaute sich weiter um. Aus der ganzen Masse fielen ihm nur zwei Jugendliche auf. Einerseits ein blonder Junge, der in der Mitte des längsten Tisches saß und die Aufmerksamkeit der Umliegenden mit lauten Sprüchen und fuchtelnden Händen auf sich zog. Und am Ende eines Tisches, auf der anderen Seite des Raumes, saß ein Mädchen mit traurigen, schräg liegenden Mandelaugen und fein gezeichneten Gesichtszügen. Ihre Haare waren unachtsam zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Nach ein paar Zentimetern dunklen Ansatzes konnte man die leuchtend violette Farbe ihrer Haare erkennen. Sein Blick blieb an ihr haften und wollte sich nicht mehr lösen. Nicht wegen ihres extrem schönen, exotischen Gesichts und nicht, weil er glaubte, sie sei diejenige, die sie suchten, sondern weil sie eine unglaubliche Traurigkeit ausstrahlte. Er konnte den Schmerz in jeder ihrer Bewegungen sehen. Als sich ihre Blicke für einen Moment kreuzten, war es zu viel für ihn und er musste den Blick senken, weil er die quälende, auffressende Art von Schmerz nur zu gut kannte.

 

***

 

Loreen

Wie immer schlich sie sich in der letzten halbe Stunde vor dem Nachmittagsunterricht noch einmal hinaus in den Garten und atmete in tiefen Zügen die frische Luft ein. Heute war es ihr im Speiseraum noch voller vorgekommen als sonst. Was nicht nur daran lag, dass ein neuer Teenager namens Sky aufgetaucht war, sondern auch daran, dass zwei neue Lehrer nach dem Essen vorgestellt worden waren. Das Irritierende dabei war die Tatsache, dass der neue männliche Lehrer sie des Öfteren hemmungslos angestarrt hatte. Außerdem war Loreen sofort aufgefallen, dass er sich in seiner Haut nicht wohl fühlte, als er den Raum betreten hatte. So wie sie selbst. Sein verkrampfter Gang und das Zupfen an den Klamotten ließen ihn fast unsicher wirken. Was sie aber nicht nachvollziehen konnte, denn er sah gut aus, richtig gut. Das sollte sie zwar nicht über einen Lehrer denken, aber er war noch jung, ungefähr dreiundzwanzig. So jung, dass sie sich schwer tat, ihn in die gleiche Schublade wie die anderen Lehrer zu stecken – alt, rundlich und meist unmotiviert oder nervig.
Nur seine Klamotten – Jeans und ein altmodischer Pullover passten nicht ganz ins Bild seiner sonst so attraktiven Erscheinung. Er war groß und muskulös, seine Haare bestanden aus zusammengebundenen schwarzen Dreadlocks und seine Haut war cappuccinofarben – Kaffee mit einem Schuss Milch. Genauso, wie sie ihn gerne trank.

 

***

 

Zwei Tage und einige Stunden später brach die letzte Unterrichtstunde vor dem Wochenende an und zugleich auch Loreens Lieblingsstunde: Musik. Auch wenn sie sich zurückhielt und dort, wie überall, im Hintergrund blieb, war ihr während der Musikstunde immer ein wenig leichter ums Herz. Musik konnte viele ihrer Stimmungen perfekt einfangen und manchmal ihre Gefühle komplett verändern, verbessern und erträglicher machen.
Das war schon immer so gewesen und daher hatte sie als Kind bald darauf bestanden, das Spielen eines Instruments zu erlernen. Ihre Mutter hatte sie zuerst zur Klarinette und später zum Saxophon überredet. Immer wenn sie auf Gitarre oder Klavier zu sprechen kamen, bei denen Loreen zusätzlich auch hätte mitsingen können, hatte ihre Mutter eine Ausrede gefunden.

Erst vor einigen Tagen war Loreen unbewusst in das Musikzimmer gestolpert. Ihre Füße hatten sie wie von selbst dorthin geführt. Im Raum hatte das große Klavier gestanden und bevor sie sich‘s versah, hatte Loreen bereits die ersten Tasten gedrückt und Musik war durch ihre Finger geflossen. Ohne dass sie es je gelernt hatte, wurde sie von den Klängen getragen. Plötzlich hatte sie nicht mehr aufhören können und mit geschlossenen Augen zu singen begonnen. Damit war es um sie geschehen: Emotionen trugen sie durch den Raum, die so vielfältig waren wie die Farben des Regenbogens. Etwas hatte sich in ihr gerührt, eine unbeschreibliche Sehnsucht, die in ihrem Innersten schlummerte. Das Sonderbarste war, dass sie beim Öffnen der Augen ein goldenes Licht gesehen hatte, das in fließenden Wellen um sie herum geströmt war. Doch als sie ihren Gesang beendet hatte, war das Leuchten sofort verschwunden. Was auch immer das gewesen war, es hatte ihr ungeheuer Angst gemacht und gleichzeitig ihre Neugierde geweckt. Bei der Erinnerung stellten sich erneut die Härchen an ihren Unterarmen auf und sie schlang die Arme um ihren Oberkörper.

 

***

 

Slash

Geschmeidig glitt Slash in das Musikzimmer und war prompt umzingelt von zwei Dutzend Schülern. Er fühlte sich in diesem Raum beengter als in einem Kampf, bei dem er sich zehn Gegnern gleichzeitig stellen musste. Er konnte zwar die einen oder anderen Dinge gut erklären, aber das tat er lieber im Zusammenhang mit sportlichen und athletischen Aufgaben – Musik genoss er nur für sich alleine. Was hätte er jetzt dafür gegeben, eine Angriffstaktik mit Messern zu erläutern. Stangenwaffen und Schwerter wären ihm auch recht oder ganz einfach ein Nahkampf ohne Waffen. Doch Pure und er mussten sich menschlich und normal benehmen. Sie hatten einige Fächer unter sich aufgeteilt und an ihm blieben Sport und Musik hängen. Mit den Fächern an sich hatte er kein Problem, aber mit seiner einengenden Rolle in diesem geschlossenen Schulzimmer.
Er wuchtete eine abgenutzte, lederne Umhängetasche auf das Lehrerpult. Slash wollte seinen Unterricht damit beginnen, dass sich alle Schüler zuerst vorstellen und ihre Beziehung zur Musik erläutern sollten. Vielleicht konnte er auf diesem Weg etwas herausfinden. Falls nicht, würde er jeden Schüler einzeln rannehmen. Und danach würde er auch jeden von ihnen etwas vorspielen oder singen lassen. Spätestens dann sollte er einen Anhaltspunkt haben oder Pure würde etwas spüren können, falls einer von den Schülern eine musikalische Gabe hatte. Pure hatte nämlich die Fähigkeit andere ihrer Art aufzuspüren, sobald diejenigen ihre Essenz einsetzten. Egal ob es eine aktive Kraft für den Angriff war oder eine dezente, die man nicht durch funkelnde Blitze oder dergleichen sah. Dabei hoffte er, dass er mit seinem Programm in einer Stunde durchkommen würde. Ein straffer Zeitplan, aber nicht unmöglich.
Während er sich den Schülern noch einmal als neuer Lehrer vorstellte und ihnen eine erfundene Geschichte über sein Alter, seinen Namen und Werdegang auftischte, konzentrierte er sich auf die verschiedenen Augenpaare im Raum. Dabei blickte er jedem einzelnen Schüler forschend ins Gesicht. In der hintersten Reihe blieb sein Blick hängen – dort war sie wieder.
Ihre Haare trug sie heute offen und sie breiteten sich ungeniert über ihren Rücken aus. Ihre Ellbogen hatte sie auf den Tisch gestellt, während ihr Kinn auf den verschränkten Fingern ruhte. Die Stunde dürfte interessant werden. Und er sollte Recht behalten.

 

***

 

Nach seinem Unterricht, der lange und ausgiebig war, hatte er nur eine Schülerin in die engere Auswahl genommen und so ironisch es ihm auch vorkam, war es das hübsche, traurige Mädchen. Zum jetztigen Zeitpunkt war er sich noch nicht vollkommen sicher, es war eher ein Bauchgefühl – aber das hatte ihn noch nie enttäuscht. Slash würde Sky vorschicken, um einen ersten Kontakt mit ihr zu knüpfen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Er war der Bessere für solch eine Aufgabe. Sky war offen und konnte Menschen mit seiner fröhlichen Art für sich gewinnen, ganz anders als er.

Slash traf sich mit Pure und Sky im Schlafzimmer von Pure, um sie über die Eingrenzung ihrer Suche aufzuklären. Sky war ganz begierig darauf, gleich loszulegen und das Mädchen auszuhorchen. Auch Pure war über die Entwicklung äußerst erfreut. »Heute, während deines Musikunterrichts, konnte ich definitiv eine Kraft spüren. Bei meinen Jugendlichen war im Unterricht hingegen nichts zu fühlen. Damit hätten wir mit Sicherheit den Kreis auf deine Klasse eingeschränkt und es muss eine musikalische Gabe sein. Wenn wir Recht haben, dürfte es ab jetzt ein Kinderspiel sein. Das bedeutet, wir hätten es bald erledigt und könnten wieder zurück nach Hause.«
Freundschaftlich legte Slash die Hand auf ihre Schulter und drückte sie leicht. Ihr ging es wie ihm. Auch sie wollte wieder heim, doch das ging noch nicht. »Gut, aber du weißt, dass es nicht so schnell gehen wird. Wir müssen nach den Regeln vorgehen. Zuerst gehen wir an einen anderen Ort, um erste Tests durchzuführen, damit wir sicher sind.«
Pure prustete ungeduldig: »Ja, ich kenne die Vorschriften, trotzdem mag ich sie nicht. Ich will hier weg! Die vielen Menschenkinder machen mich unruhig und die Klamotten kratzen ständig – auch wenn ich weiß, dass es nicht anders geht.«
Schnell senkte sie den Blick, aber Slash konnte dennoch ein verräterisches Glitzern in ihren Augen erkennen. »Wenn Fio noch hier wäre, würden wir sofort wissen, wer es ist. Aber mit meiner mickrigen Macht …«
Während sie sprach, fiel ihr eine blonde, schulterlange Haarsträhne ins Gesicht und Slash schob sie ohne nachzudenken wieder zurück hinter ihr Ohr. Auch wenn er seit damals, als er alles verloren hatte, zu allen auf Abstand ging, war sie seit jeher seine beste Freundin. Vor vier Jahren waren sie sogar zu ›Bell-Pars‹ ernannt worden. Aber trotz all dem und ihrer Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft konnte Slash nie mehr als brüderliche Gefühle für sie entwickeln. Im Geiste war sie seine kleine Schwester. Das würde sich nie ändern, ungeachtet sämtlicher Vorschriften, die man ihnen machen wollte.
Sky räusperte sich deutlich hörbar: »Hey Freunde, ich weiß ja, wir sind in einem Schlafzimmer, die ganze ›Bell-Par‹ Geschichte und so, aber könnten wir uns vielleicht wieder auf diese Sache hier fokussieren?«
Pures Augen funkelten in seine Richtung und ein goldener Schimmer leuchtete schwach auf, der die kleinen Sprenkel ihrer Augen hervorhob – die kleinen goldenen Tupfer, die jeder Divinus ab Einsatz seiner Kräfte aufzuweisen hatte. Slash wandte sich an Sky: »Wir sind fokussiert und haben die Mission im Blick. Mach dir keine Sorgen. Du hast heute Abend freie Hand, vielleicht findest du etwas raus. Aber pass auf, dass du nichts ausplauderst, bevor wir uns sicher sind.«
Dieses Angebot konnte Sky nicht ausschlagen. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich eifrig Richtung Tür und war im nächsten Moment bereits verschwunden. Auch Slash musste raus. Er schnappte sich ein Buch und verabschiedete sich für den restlichen Abend von Pure.

Er brauchte ein wenig Ruhe in der Natur, da er es nicht gewöhnt war, so lange in Räumen eingesperrt zu sein. Wenigstens etwas frische Luft, wenn er schon nicht trainieren, laufen oder Gitarre spielen konnte, um seinen Kopf frei zu bekommen. Seine Arme vermissten das Gefühl schwere Waffen auszubalancieren, seine Lunge die tiefen Atemzüge bei starker Anstrengung und seine Finger die Berührung der Saiten, während Musik ihn umhüllte wie eine vertraute Decke.
Slashs Muskeln entspannten sich ein wenig, als er sich an den Stamm einer dicken Eiche lehnte, die sich am unteren Ende eines Hügels befand. Von hier aus konnte er gerade noch über die Hecke, die das gesamte Areal des Heimes umsäumte, auf den See blicken. Seine Beine lagen übereinander geschlagen vor ihm und er begann in einem altgriechischen Buch zu lesen.

Er musste kurz eingenickt sein, als ein Geräusch, das von hinten rasch näher kam, ihn aufschrecken ihn ließ. Bevor er sich orientieren konnte, stolperte ein Mädchen über seine Beine und fiel in seinen Schoß. Weit aufgerissene, dunkle Augen starrten ihn an und spiegelten seine Fassungslosigkeit wieder. Da war sie erneut. Das Mädchen namens Loreen – aus dem Speisesaal, aus dem Musikunterricht – und jetzt lag sie genau auf ihm. Sie schüttelte den Kopf, als ob sie ihre Gedanken ordnen wollte und versuchte, sich mit hochrotem Kopf aufzurappeln, wobei sie immer wieder mit ihrer Hand im Gras ausrutschte und nicht von der Stelle kam.
Wie kann man nur so ungeschickt sein? Slash konnte nicht anders, als sanft ihre Oberarme zu umschließen, sie neben sich zu platzieren und besänftigend zu flüstern: »Ruhig, es ist nichts passiert. Alles gut.«
Dabei kam er sich ein wenig blöd vor. Er wusste nicht, warum er plötzlich das Bedürfnis verspürte sie zu trösten oder wie er es anstellen sollte, aber er wollte es. Sie wirkte komplett aufgelöst. Und trotzdem wünschte er sich gleichzeitig Sky oder Pure an seine Stelle, die wüssten, was zu tun wäre. Obwohl – doch eher Sky, der konnte besser mit emotionalen Situationen umgehen.
Mit dem Saum ihres Sweatshirts wischte sie sich ihre tränenfeuchten Wangen ab und nahm die Kopfhörer aus ihren Ohren. »Es tut mir so leid. Ich habe Sie nicht gesehen. Ich war war abgelenkt, weil ich Musik gehört habe. Entschuldigung, das wollte ich nicht.«
Slash ignorierte seine Neugierde darüber, welche Musik sie wohl gehört hatte und antwortete: »Du kannst mich Slash nennen. So alt bin ich nicht.«
Etwas zögerlich nahm sie seine ausgestreckte Hand entgegen. »Danke. Mein Name ist Loreen, Loreen Earnest.«
»Ich weiß. Du warst in meinem Unterricht, wenn du dich erinnern kannst.«
Die rote Färbung ihrer Wangen wurde noch eine Spur dunkler. »Oh. Ja klar. Richtig.«
Nur widerwillig ließ er ihre Hand wieder los, aber den Blick konnte er von ihrem Gesicht nicht abwenden. Durch die Nähe erkannte Slash im Abendlicht der Dämmerung kleine, goldene Punkte in ihren ansonsten dunklen Mandelaugen, die nur eines bedeuteten – sie war eine von ihnen. Bevor er die Antworten auf seine nächsten Fragen bekam, konnte er bereits mit Gewissheit sagen, dass er die gesuchte Person gefunden hatte. Trotzdem stellte er sie. »Singst du gerne, Loreen? Wie fühlst du dich dabei und wie reagieren deine Mitmenschen darauf?«

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