[Glasgow RAIN] 2 Kapitel

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2. Freunde?

Die Freunde,
die man um vier Uhr morgens anrufen kann,
die zählen.“

(Marlene Dietrich)

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Ich zog eine enge Jeans an und streifte eine dunkelblaue Bluse über, unter der mein Top noch gut zu erkennen war. Im Spiegel kontrollierte ich zur Sicherheit mein offenes Haar, das mein Gesicht einrahmte Eine Kette und Ohrringe in Silber vollendeten den Look. Ein letztes Mal tuschte ich die Wimpern und überprüfte mit kritischem Blick das Make-up. Bis auf ein wenig dunklen Lidschatten und Wimperntusche hatte ich nichts aufgetragen, da für mich meine schokoladenbraunen Augen das Schönste waren und ich diese gerne betonte. Ein Grund dafür war, dass sie das Einzige waren, das ich von meiner Mutter geerbt hatte. Etwas von ihr, das mir niemand nehmen konnte.

Meine Eltern hatten sich in London kennengelernt, als meine Mutter begann, Literatur zu studieren, während mein Vater sich gerade zu einem aufstrebenden Investmentbanker mauserte. Kurze Zeit später heirateten sie, und nach vier Jahren Ehe kam ich auf die Welt. Gleich nach ihrer Heirat gab meine Mutter ihr Studium auf, und gemeinsam zogen sie nach Glasgow.

Nach all den Jahren konnte ich mich noch daran erinnern, dass meine Mutter ihre kastanienbraunen, hüftlangen Haare am liebsten offen getragen und sie nach Veilchen gerochen hatte. Nicht nur ihre Haare waren eine Augenweide gewesen, sondern auch ihr hübsches, feminines Gesicht und ihre zierliche Figur. Daher war es kein Wunder, dass mein Vater sie damals umworben und für sich hatte haben wollen. Er liebte schon immer hübsche Dinge.

Ich vermisste meine Mutter manchmal noch immer so stark, dass es mir wie ein körperlicher Schmerz vorkam; ein Riss mitten durch meine Eingeweide, der mich immer wieder auseinanderzureißen drohte. Sie war keine von diesen strengen Müttern gewesen, die nur erziehen wollten, sondern auch eine Freundin, die mit mir Puppen gespielt, sich Zeit für mich genommen und mich in meinen Träumereien ermutigt hatte. Meine Mutter war eine Frohnatur gewesen und hatte es mit ihren sanften Worten immer geschafft, Ängste oder Albträume verblassen zu lassen. Neben ihrer Liebe hatte sie mir auch Geborgenheit geschenkt und eine Wärme ausgestrahlt wie niemand sonst, dem ich bisher begegnet war. Als sie gestorben war, hatte ich nicht nur meine Mutter verloren, sondern auch dieses Gefühl von Wärme und Sicherheit.

Abrupt schüttelte ich meinen Kopf und riss mich von den wehmütigen Gedanken an meine Mutter los. Ihr Bild verschwamm, und ich sah anstelle meiner Mutter wieder mich im Spiegel – nur die Augen, die blieben fast dieselben. Ich klatschte mir auf die Wangen und dachte: „Du schaffst das! Stark bleiben!“ Ein letzter tiefer Atemzug, dann setzte ich mein Lächeln auf wie andere ihren Hut, und zog mit meiner braunen Lederjacke in die Nacht hinaus.

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Vor dem Eingang der Turnhalle der Schule warteten bereits Aimee und Stew auf mich. Die zwei waren vor ungefähr fünf Jahren in mein Leben geplatzt und seitdem nicht mehr daraus wegzudenken.
Als Dreizehnjährige saß ich gerade in der Kantine, abseits von dem ganzen Trubel und Cecilias bissigen Kommentaren, und las in einem Buch. Plötzlich lag ein Schatten über mir, und ein Mädchen und ein Junge musterten mich und begannen zu diskutieren.
„Ich mag ihre Nägel“, sagte das Mädchen, und sofort glitt mein Blick hinunter zu meinem schwarzen Nagellack. Damals durchlebte ich gerade meine Gothicphase, die aber nicht lange anhielt, weil mir das mit dem schwarzen Nagellack irgendwann zu blöd wurde. Ständig hinterließ er überall schwarze Striche, wenn ich nicht aufpasste – in Büchern, auf Zetteln oder den Hausaufgaben.
Der Junge zeigte auf mein Buch.
„Und sie hat einen guten Geschmack, wenn es stimmt, was du gesagt hast.“
„Klar doch, ich kenne mich aus“, gab das Mädchen zurück. „Bram Stroker ist der Beste, so gut wie Jane Austen, nur anders.“
Mit einem Lächeln nickten sie sich zu und nahmen, ohne mich zu fragen, an meinem Tisch Platz. Bevor ich sie auch nur verblüfft anstarren oder etwas sagen konnte, streckte mir der Junge die Hand entgegen.
„Ich bin Stewart – kurz Stew, ist nicht so spießig.“
Dann zeigte er auf das Mädchen neben sich.
„Das ist Aimee, meine Schwester. Wir sind neu hier, ist unser erster Tag, also ein Glück, dass wir dich gleich getroffen haben. Ach ja, wie heißt du überhaupt?“
Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen, aber ich wollte auch nicht unhöflich sein, also nahm ich seine Hand an, was ich etwas untypisch fand für Dreizehnjährige, aber das behielt ich für mich. Während der Typ, also Stew, begeistert meine Hand schüttelte, stammelte ich: „Ich bin Victoria … aber ihr … ihr könnt mich Vic nennen.“
„Gerne, Vic. Was liest du sonst gerne so?“
Bevor ich antworten konnte, brabbelte er weiter, hangelte sich von einem Thema zum anderen. An diesem Tag sprach ich nicht viel, aber das schien die beiden, vor allem Stew, nicht zu stören, denn er redete für uns drei. Danach waren sie jeden Tag zu mir gekommen, bis ihre Anwesenheit so selbstverständlich geworden war wie atmen. Es war, als hätten sie mich an jenem Tag gesehen und kurzerhand beschlossen, mich als ihre Freundin auszuwählen. Wie ein Wink des Schicksals oder einfach nur ein verdammt großes Glück für mich. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie und warum es passiert war, ich war froh darüber, sehr sogar. Denn nun waren sie meine besten Freunde.

Sie waren eineiige Zwillinge mit schokoladenbraunen Haaren, die Stew kurz geschnitten und Aimee kinnlang trug. Offen getragen, drehten sie sich bei ihr in alle Richtungen, doch in der Schule bändigte Aimee sie mit einem Haargummi zu einem unauffälligen Pferdeschwanz. Heute trug sie ihr Haar offen und hatte ein dezentes Make-up aufgelegt. Beide waren gleich groß und ihre Augenfarbe erinnerte an die grasgrünen Highlands.
„Hallo, Leute! Danke, dass ihr auf mich gewartet habt.“
Ich schenkte ihnen für meine Verspätung ein entschuldigendes Lächeln.
„Wollen wir los und in eine rauschende Partynacht stürmen? Ich bin für alles bereit.“
Meine Lippen kräuselten sich, und das Funkeln in meinen Augen versprach Ärger, als ich Stew zuzwinkerte, der schon immer der Abenteurer von den beiden gewesen war.
Ein „Ähm … okay?!“ erklang von Aimees Seite, und ein begeistertes „Das ist eine Ansage! Klar, ich bin dabei. Lassen wir es krachen, Mädels!“ folgte von Stew.

Die große, mit bunten Girlanden geschmückte Sporthalle war bereits zum Bersten gefüllt, und Musik dröhnte mit einem Bass durch den Saal, der durch den ganzen Körper vibrierte. Gemeinsam bahnten wir uns einen Weg zu einem ruhigeren Platz in der hinteren Ecke der Halle und setzen uns an einen der kleinen, runden Tische. Aimee beugte sich zu mir hin und versuchte, den Lärm zu übertönen.
„Wie gehts dir heute, Vic? War dein Vater noch sehr sauer wegen der Party?“
Dabei legte sie für einen unbedachten Moment ihre Hand auf meinen Unterarm und drückte ihn. Zuerst zuckte ich bei der Berührung zusammen, aber ich zwang mich dazu, den Arm auf dem Tisch liegen zu lassen, obwohl sich meine Muskeln sofort verspannten.
Ich war nicht der Typ für innige Berührungen. Es stellten sich mir immer alle Härchen auf, wenn mir jemand zu nahe kam. Sei es nun körperlich oder auch geistig. Im Bett mit Jungs war das natürlich etwas ganz anderes, denn da ging es nur um den oberflächlichen Akt, da musste ich mich nicht wirklich öffnen und verwundbar machen. Aber solche offenen Berührungen wie diese hier zwangen mich zum Rückzug.

Aimee bemerkte meine steife Haltung und nahm ihre Hand weg, ohne dass ihr Lächeln verschwand. Inzwischen kannte sie meine Macken und nahm es hin, auch wenn ich manchmal noch Kränkung in ihren Augen aufblitzen sah, wenn sie zu langsam war, um es zu verbergen. Erneut fragte ich mich, warum sie meine Freunde waren, auch wenn ich jeden Tag dem Schicksal dafür dankte.
„Es tut uns leid, dass wir nicht auf deiner Feier sein konnten. Wenn wir das früher gewusst hätten, hätten wir den Urlaub verschoben.“
Auch Stew gab seinen Senf dazu ab. „Oh Mann. Ich habe schon einiges gehört, aber ich wäre zu gerne dabei gewesen! Ich meine jetzt nicht nur die Party … Entschuldige, sondern das Zusammen­treffen mit deinem Vater. Nachdem, was du uns am Telefon erzählt hast, muss es ziemlich abgegangen sein!“
Er grinste von einem Ohr zum anderen, und seine Augen glänzten aufgeregt. Stew war ein Klatschmaul und meinte das auch nicht böse, er lebte einfach für lustige Begebenheiten, die ihm oder anderen passierten.
„Und erst das Gesicht von deinem Dad, als du ihn vollgekotzt hast … ich würde mir meinen kleinen Finger abhacken lassen, um das zu sehen!“
Ein unbekümmertes Lachen erklang, und er schüttelte sich auf dem Stuhl, dass auch mir ein Grinsen über die Lippen huschte.
„Hör auf, Stew! Du benimmst dich wie ein Fünfjähriger! Du weißt, dass Vic deswegen in Teufels Küche gekommen ist – und es hätte viel schlimmer kommen können“, fuhr Aimee ihn an, doch damit war sie noch nicht zufrieden. Ohne Luft zu holen, ging sie im scharfen Ton auch auf mich los.
„Und du! Wie konntest du so betrunken nach Hause kommen? Was sollte der Scheiß, wann wirst du endlich erwachsen? Ich will mir das Gesicht von Mister McKanzie gar nicht vorstellen. Nur beim Gedanken daran wird mir schlecht. Er schaut sonst schon immer so grimmig.“
Ich zuckte mit den Schultern und lächelte sie gutmütig an, wie ein Kind, das seine Mutter besänftigen möchte.
„Ich weiß nicht, Aimee. Wenn ich alt und grau bin? Mir schmecken eben ein guter Wein oder andere alkoholische Getränke.“
Die anderen Vorteile, die mir Alkohol verschaffte, wie vergessen oder entfliehen, zählte ich besser nicht auf, da Aimee auch jetzt schon wütend genug wirkte. Ich schlug ein Bein über das andere.
„Weißt du, was ich unglaublich finde? Dass du, seit du klein warst, Angst vor meinem Dad hast. Aber das musst du nicht, der tut keinem was, glaub mir. Er ist wie ein Hund, der viel bellt, aber nicht beißt.“
Von Stew bekam ich ein zustimmendes Nicken.
„Bin ganz deiner Meinung! Vielleicht sollten wir Aimee einen Nachmittag mit ihm zusammenstecken, damit sie sich besser kennenlernen?“
Wieder schüttelte er sich vor Lachen, und wegen Aimees entsetztem Gesichtsausdruck konnte ich mich ebenfalls nicht zurückhalten. Nur Aimee war von dem Gedanken nicht angetan. Rote Stressflecken zeichneten sich auf ihren Wangen ab.
„Schluss jetzt, alle beide! Außerdem reden wir jetzt nicht über mich, sondern über Vic.“
Ach Mist, das wollte ich eigentlich vermeiden, dachte ich gequält. Aber Aimee hatte andere Wünsche als ich und wechselte daher übergangslos das Thema.
„Wie war überhaupt der Urlaub bei deiner Tante Shona? Erzähl, ich bin schon neugierig.“
Gut, das war dann doch ein harmloses Thema, mit dem ich leben konnte, und erfreut sah ich in ihre grünen Augen.
„Okay, wir machen nur Spaß, Aimee. Ich werde in Zukunft auf dich hören, versprochen.“
Dann ging ich auf ihre Fragen ein. „Es war nett bei ihnen, danke. Wenn du neugierig bist, schau einfach auf mein Facebook-Profil. Alle Fotos sind hochgeladen und sogar beschriftet. Was ist mit euren Fotos? Sind die auch schon im Internet?“
Stew wollte gerade ansetzen „Oh gut, die muss ich gleich auf meinem Handy anschauen und …“, als Aimee ihn unterbrach.
„Nein! Das mein ich doch nicht, Vic. Erstens habe ich die Fotos schon gesehen, und zweitens will ich wissen, wie es dir gefallen hat, wie es dort war? Und wie geht es dem kleinen Russel, kann er schon laufen?“
Stew und ich tauschten einen Blick über den Tisch. Wenn Aimee sich einmal in das Frage-Antwort-Spiel verbissen hatte, gab es kein Entkommen. Ich lehnte mich bequemer auf dem Sessel zurück – das konnte länger dauern.
„Aimee, er ist drei und kann nicht nur laufen, sondern plappert auch schon eine ganze Menge. Außerdem ist so ein Kleinkind um einiges ausdauernder als ich, das sag ich euch. Ein richtiger kleiner Dreikäsehoch, der nicht still sitzen kann und schon jetzt alles besser weiß. Aber er ist zum Anbeißen mit den Sommersprossen und den roten Locken.“
„Und wie war es sonst so? Du warst immerhin einige Wochen bei ihnen“, bohrte sie weiter, und ich bekam eine vage Ahnung, wohin sie dieses Gespräch lenken wollte.
„Was willst du hören? Es war wie immer nett. Wir waren viel unterwegs, sind in den Highlands spazieren gewesen oder haben Ausflüge gemacht, wie eine nette, kleine Familie aus dem Bilderbuch.“
Bloß, dass ich nicht richtig dazugehörte und nur zu Besuch war in einer Welt, in der alles noch perfekt scheint, aber diesen Nachsatz sprach ich nicht laut aus. Es reichte, wenn ich mir selbst das Leben schwer machte, ich wollte nicht auch noch die anderen runterziehen.
Unbeirrt hakte Aimee nach: „Also hat es dir dort gefallen. Wollte Shona dich auch wieder überreden, zu ihnen zu ziehen?“
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse, da ich dieses Thema noch nie hatte leiden können. Es stachelte nur Gefühle an, die weiterhin im Verborgenen bleiben sollten.
„Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich liebe Shona und ihre Familie, aber es geht nicht. Auch wenn ich es wollte. Mein Leben ist hier, meine Freunde, Dad …“
Die Erinnerungen an meine Mutter, beendete ich gedanklich den Satz. Aimee war damit nicht zufrieden, denn sie ließ das Kinn auf ihre verschränkten Hände sinken und blinkte mir eine Zeit lang in die Augen, als würde sie darin das erkennen, was ich aber nicht preisgab: Emotionen.
„Würdest du es denn wollen, wenn du die Möglichkeit hättest und dein Vater es dir nicht verbieten würde?“, fragte sie.
Mein Blick fiel auf die zusammengepressten Finger auf meinem Schoß, und alles, was ich ihr antworten konnte, war: „Ich weiß es nicht.“
Um nicht länger über dieses unliebsame Thema sprechen zu müssen, stand ich vom Sessel auf und bewegte mich in Richtung der tanzenden Menge.
„Ich geh eine Runde und schau mich um. Wir sehen uns später.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Stew ebenfalls aufspringen wollte, um mir zu folgen, aber Aimee schüttelte nachdrücklich den Kopf und hielt ihn am Ärmel fest. Sie hatte schon immer ein Gespür dafür gehabt, wenn ich für mich sein wollte.

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Sobald ich an Tante Shona und an meinen Vater dachte, verkrampfte sich mein Magen zu einem harten Klumpen. Ich liebte beide, aber sie konnten einander überhaupt nicht riechen. Soweit ich wusste, hatten sie schon immer ein angespanntes Verhältnis gehabt, das eskalierte, als meine Mutter gestorben war. Angeblich hatte Shona damals sogar für das Sorgerecht gekämpft, war aber an den teuren Anwälten meines Vaters kläglich gescheitert. Danach durfte sie nicht mal mehr in unserem Haus schlafen, wenn sie mich besuchen gekommen war. Die Situation hatte sich erst wieder entspannt, als ich alt genug war, um alleine mit dem Zug nach Inverness zu fahren und Shona dort zu besuchen. Ich war überzeugt davon, dass mein Dad und sie seither fast kein Wort mehr miteinander gesprochen hatten. Beide waren Sturköpfe und ließen sich auch durch mich nicht erweichen. Wenn ich versuchte, die Wogen zu glätten, war es, als ob ich gegen eine Wand sprechen würde.

Mein Weg hatte mich auf die Tanzfläche geführt, aber erst, nachdem ich ein oder zwei Becher bei der Bar getrunken hatte. Nach einigen schnellen Tänzen, bei denen ich versuchte abzuschalten, entdeckte ich im Getümmel Cailean, der mit einer langbeinigen, dürren Rothaarigen tanzte: Cecilia. Sie war schon immer auf ihn scharf gewesen, aber noch nie hatte sie sich mit einem derart tiefen Ausschnitt an ihn herangemacht. Ihr kurzes, schwarzes Kleid hätte nicht enger sein können, und ihre Lippen glitzerten feuerrot.

Auch Cailean trug dunkle Klamotten, die seine blasse Haut und den krausen, rotblonden Kurzhaarschnitt betonten. Als hätte er meinen Blick gespürt, sah er herüber und bückte sich zu Cecilias Ohr, um ihr etwas zuzuflüstern. Ihr Blick schoss in meine Richtung, und sie presste die Lippen fest aufeinander, bevor sie sich umdrehte und wie eine Dampflok in der Menge verschwand. Theatralisch, ja, das war sie. Seufzend wollte ich weitertanzen, aber Cailean kam mit erhobenem Kinn auf mich zu.

„Hey, Schätzchen. Du bist heute wieder atemberaubend. Wie sieht’s aus, hast du später Lust, eine Runde zu tanzen oder noch mit zu mir zu kommen?“
Sein unverschämtes Lächeln und das Glitzern in den Augen sagten mir, was er dort mit mir vorhatte. Nicht, dass es mich sonderlich überrascht hätte.

Cailean und ich hatten bereits seit einiger Zeit etwas Ähnliches wie eine offene Beziehung, nur, dass er dieses Arrangement bis zur Gänze auskostete. Ich wusste, dass ich deswegen eifersüchtig hätte sein sollen, aber ich war es nicht, nicht mehr. Zuerst war ich enttäuscht gewesen, dann wütend auf mich selbst, weil ich mich auf ihn eingelassen hatte. Aber nun war es mir egal, was er trieb, und das schon seit einiger Zeit. Daher war meine Antwort ohne jegliche Begeisterung für sein Angebot, das er ganz toll zu finden schien.

„Keine Ahnung. Mal sehen, was der Abend noch bringt. Du weißt, ich möchte mich auf nichts festlegen.“
Ich konnte es mir nicht verkneifen, einen weiteren Kommentar loszuwerden. „Übrigens, nette Begleitung. Seit wann hängst du öffentlich mit Cecilia rum? Ich dachte, sie wäre dir zu anhänglich oder besser gesagt zu anstrengend?“
Wie oft hatte er mir im Bett vorgesäuselt, wie nervig ihm Cecilias Verhalten und ihre Zickereien wären, und doch hing er heute mit ihr rum. Kerle waren manchmal so widersprüchlich in dem, was sie mit Worten sagten, und dem, was ihre Taten sprachen.
„Du brauchst nicht eifersüchtig werden. Wir haben bloß ein bisschen Spaß miteinander. Du weißt schon, ein richtiger Mann kann nicht nur für eine Frau da sein.“
Ein Lächeln blitzte über sein Gesicht, und mir stieg die Galle hoch. Wann war er so ein Schwein geworden? Oder war er schon immer so gewesen, und ich hatte es absichtlich übersehen? Ich verdrehte meine Augen und widerstand dem Drang, meine Nasenwurzeln zu kneifen. Kopfschmerzen kündigten sich an – schon wieder. Was für ein beschissener Tag.
„Mir egal, was du denkst. Wir sehen uns vielleicht noch. Aber – wenn ich du wäre, würde ich nicht damit rechnen.“

Nachdem ich mich weggedreht hatte und er wieder bei seiner Begleitung angekommen war, tanzte ich weiter und blickte mich ein letztes Mal zu den beiden um. Von Weitem betrachtet sah Cailean Murdoch ganz in Ordnung aus. Er war nicht der Attraktivste an unserer Schule, aber er war groß und strahlte diese Selbstsicherheit und diesen Charme aus, die nur wenigen Leuten anhafteten. Ähnlich wie bei meinem Vater. Außerdem war er steinreich und mit der inneren Überzeugung bestückt, dass er alles haben konnte.

Unsere Väter kannten sich seit ihrer Studienzeit und hatten oft geschäftlich miteinander zu tun oder sahen sich privat. Was nicht besonders interessant war, da jeder Mensch seine Freunde hat, sogar mein Vater. Aber ich fand es doch eigentümlich, dass sie sich strikt alle zwei Wochen trafen.

Gleich, wo mein Vater unterwegs gewesen war, er kam von seinen Dienstreisen zurück, und das Treffen fand statt. Eine Schulaufführung hatte solche Wunder selten vollbracht. Meistens trafen sie sich bei einem seiner Freunde, den MacColls, den Murdochs oder den McLiods zu Hause – auch sie gehörten zur Oberschicht in Glasgow und waren Cecilias Eltern. Alle paar Monate fuhren sie alle sogar zu einer abseits gelegenen Burg in der Nähe von Stonehaven in den schottischen Highlands, was eine Fahrt von zweieinhalb Stunden erforderte. Wem genau von den Freunden meines Vaters dieses kleine Schloss gehörte, war mir nicht bekannt, aber wir hatten dafür seit jeher auch einen Schlüssel bei uns zu Hause.

Als ich noch klein war, fuhren wir im Sommer alle gemeinsam dorthin. Meine Mutter, mein Vater und ich verbrachten oft einen Teil der Ferien auf der Burg. Doch nach Mums Tod war ich nie wieder mit ihm gefahren, auch wenn ich manchmal mit Sehnsucht an diesen magischen Ort und an die glücklichen Tage, die wir dort erlebt hatten, zurückdachte. Auch heute noch.

Ich wusste nicht, was mein Vater und seine Freunde dort trieben oder über welche geschäftlichen und wirtschaftlichen Themen sie sich unterhielten, da es mich auch nicht besonders interessierte. Aber ich stellte es mir so ähnlich vor wie in den alten Schwarz-Weiß-Filmen, in denen wichtige Männer in einem antiken Wohnzimmer beisammensaßen. Mit einem gemütlichen Feuer im Kamin, einer Zigarre und einem Glas Cognac in den Händen, um über Gott und die Welt zu philosophieren. Soweit ich wusste, war es sogar irgendeine Vereins- oder Clangeschichte mit Wappen und allem Drum und Dran. Ich empfand das alles als sehr schrullig und lächerlich für erwachsene Männer. Besonders, weil sie auch ein eigenes Vereinsmotto hatten, welches ‚Luceo non uro’ lautete und so viel bedeutete wie ‚Ich glühe, doch ich brenne nicht’. Darüber zu grübeln, hatte mich bisher noch nicht weitergebracht. Ich kam auf keine befriedigende Antwort.

Als Cailean und ich noch Kinder gewesen waren, hatten unsere Väter uns immer wieder zusammengesteckt, doch zwischen mir und Cailean wollte lange keine Freundschaft oder Ähnliches entstehen. Erst vor zwei, drei Jahren, als meine weiblichen Attribute sich langsam zeigten, wurde Caileans Interesse geweckt, und er hatte angefangen, zu flirten und später mit mir auszugehen.

Zu Beginn war ich von seiner Umwerbung geschmeichelt gewesen und wie geblendet von der Tatsache, dass er doch etwas mit mir zu tun haben wollte. Die meisten hatten mich beneidet, denn jeder wollte in seinem Ruhm und Namen baden. Doch, wenn ich ihn nun betrachtete, fragte ich mich ernsthaft, ob ich noch etwas für ihn empfand. Meine Antwort darauf war ernüchternd. Es fühlte sich wie der bittere Nachgeschmack eines einst guten Weines an, der aber längst verblasst war und im Gaumen nur noch eine fahle Erinnerung zurückließ.

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Die Party war eine Stunde vor Mitternacht sehr gut im Gange und das, obwohl Elternteile Aufsicht führten und kein Alkohol ausgeschenkt werden sollte. Irgendjemand hatte es dennoch geschafft, eine beträchtliche Menge Rum, wenn nicht sogar Härteres, in die Bowle zu schütten.

Auch ich war bereits dem Gefühl der erwünschten Leichtigkeit ergeben, und, obwohl mich meine innere Stimme anbrüllte aufzuhören, ignorierte ich sie. Dabei bewegte ich mich im Rhythmus der Musik und hielt den nächsten vollen Trinkbecher in der Hand, den ich einem Typen abgeschwatzt hatte, als er mit vier Bechern an mir vorbeirauschen wollte. Nachdem ich auch diesen vollständig geleert hatte, bahnte ich mir schwankend einen Weg durch die erheiterte Partymeute zum Ausgang der Turnhalle.

Beim Ausgang angekommen, atmete ich in vollen Zügen die frische Luft ein, die bereits Anfang September die Kälte des bevorstehenden Winters erahnen ließ. Anscheinend hatte ich doch über meinen Durst getrunken, denn im Freien angekommen, drehte sich alles, und eine aufsteigende Übelkeit überfiel mich. Ich hätte es besser wissen müssen.

Angetrieben von dem mulmigen Befinden stürzte ich hinaus auf das spärlich beleuchtete Schulgelände, das mit vereinzelten Bäumen und einem sorgfältig geschnittenen Rasen vor mir lag. Hinter einem großen Laubbaum entdeckte ich zu meiner Erleichterung eine sehr willkommene Holzbank. Schon während ich mich setzte, beruhigte sich die Aufruhr in der Magengegend, und auch der Schwindel ließ nach. Aber ich kannte meinen Körper zu gut, um mich zu früh zu freuen. Der Alkohol und ich hatten noch nie eine andauernde Beziehung geführt, da mein Magen, trotz all des Trainings, nicht für ihn geschaffen schien.

Mit geschlossenen Augen ließ ich meinen Kopf hängen, die Arme auf den Oberschenkeln aufgestützt, während ich tief ein- und ausatmete.
Ich fuhr erschrocken hoch, als ich hinter mir einen Zweig knacken hörte, dem ein Rascheln folgte. Mit klopfendem Herzen sah ich mich hastig nach allen Richtungen um. Doch in der Dunkelheit und dem spärlichen Licht war nichts zu erkennen außer langen Schatten und den dunklen Umrissen der Bäume.
Ein zweites Mal nahm ich ein Geräusch wahr und glaubte, in den Büschen weiter hinten einen Schemen zu erkennen. Ein Mensch? Ein Tier? Was hatte ich dort gesehen?
Aber mir war klar, dass ich viel zu betrunken war, um meinen eigenen Augen oder Sinnen zu trauen. Außerdem war ich bereits zu alt, um mich in der Finsternis zu fürchten, und ich redete mir ein, dass ich mir das alles nur einbildete.

Obwohl ich ein flaues Gefühl im Magen hatte, das nicht von meiner Alkoholisierung herrührte, riss ich mich zusammen und drehte mich zurück, um mich auf meinen derzeitigen Zustand zu konzentrieren. Auch wenn ich mich ein bisschen besser fühlte, schwebte die Übelkeit weiterhin wie ein Damoklesschwert über mir. Deshalb ließ ich meinen Kopf wieder nach unten hängen, die Augen starr auf den Rasen gerichtet und zählte im Geiste bis hundert. Meine Haare hingen lang nach unten, und ich ärgerte mich darüber, dass ich mir zu Hause keinen Pferdeschwanz gebunden hatte. Egal, wie betrunken ich auch war, soviel bekam ich noch mit, um mich darüber im Stillen zu beschweren.

Minuten vergingen in beruhigender Stille, nur mein Atem war zu hören, und ich fing an, mich wieder zu entspannen. Doch genau in diesem Moment bemerkte ich, wie sich jemand neben mich auf die Bank setzte, wodurch ich mich sofort verspannte.
„Bewunderst du so fasziniert den Rasen …? Oder soll ich dir die Haare aus dem Gesicht halten, bevor du dich übergibst?“
Diese belustigte Stimme und den blöden Spott hatte ich doch erst heute Nachmittag gehört. Ich wusste, ohne aufzusehen, wer jetzt neben mir saß: Rafael. Die Angst verschwand augenblicklich und machte anderen, ebenso unguten Gefühlen Platz – Wut, Scham, peinliche Berührung –, um nur einige zu nennen.
Muss dieser Typ denn schon wieder auftauchen? Und immer dann, wenn ich mich in einer unangenehmen Situation befinde?

Ich wusste nicht, wie er das machte, aber anscheinend hatte er so etwas wie einen Peinlichkeitsdetektor eingebaut, um mich aufzuspüren, wenn es für mich am ungünstigsten war. Ich konnte sein dummes Grinsen förmlich vor mir sehen, und meine Hände ballten sich zu Fäusten. Dennoch kapitulierte ich und ließ den Kopf hängen, während ich grimmig antwortete: „Du tauchst wohl immer zu den unpassendsten Momenten auf …“
Zu mir selbst nuschelte ich: „Die Frage ist nur, ob das ein Segen oder ein Fluch ist.“
Gekünstelt räusperte ich mich und sprach wieder laut, damit auch er mich verstehen konnte: „Kannst du nicht einfach wieder aufstehen … und gehen? Bitte!“
Ich hatte das Gefühl, dass diese Anfrage reines Wunschdenken war, denn so leicht ließ er sich vermutlich nicht abschütteln. Nicht, wenn er die Chance hatte, mich bloßzustellen oder sich selbst einen Spaß zu gönnen. Obwohl ich ihn nur flüchtig kannte und wir erst heute Morgen ein erstes, richtiges Gespräch geführt hatten – oder eher einen Streit, je nachdem, wie man es sehen wollte –, lag ich mit meiner Vermutung richtig.

Lässig lümmelte er sich auf die Bank, und ich konnte den Sarkasmus in seiner Stimme hören.
„Wow, Princesa, missmutig wie eh und je! Du bist sogar noch besser gelaunt als bei unserer letzten Begegnung. Du solltest es vielleicht mit Lachen probieren – oder zumindest mit einem kleinen Lächeln? Sonst mache ich mir nämlich echt Sorgen um dich. Oder … ich könnte anfangen zu glauben, dass es an mir liegt!? Das wollen wir doch beide nicht, oder?“
Süffisante Belustigung schwang in jedem seiner Worte mit.
Dieser Kerl macht sich schon wieder über mich lustig!
„Komm schon! Wenn du willst, dass ich wieder abhaue, muss ich mich wenigstens vorher überzeugen, dass es dir gut geht.“
Seit wann schwafeln Jungs so viel?, ging es mir genervt durch den Kopf, während er fast ohne Pause weitersprach.
„Und wie könnte das besser funktionieren, als dass du mir ein wenig Freundlichkeit entgegenbringst? Ich wette, du hast ein schönes Lächeln. Das würde ich gerne einmal sehen.“
Um seinen Redefluss zu stoppen, wollte ich seiner Aufforderung folgen. Vielleicht würde er sich dann wirklich vom Acker machen und mir Gelegenheit geben, mich alleine im Leid zu suhlen. Ich wusste nicht, wie, aber ich schaffte es, meinen Kopf leicht zu heben und ein Lächeln zu formen. Schon bei dieser kleinen Bewegung drehte sich vor meinen Augen die Umgebung. Doch ich blieb standhaft und zeigte ihm meine weißen Zähne.
„Siehst du. Das war doch gar nicht so schwer!“

Nach einer kurzen Pause räusperte er sich jedoch, und ich hörte ein Glucksen von ihm.
„Obwohl … du solltest es noch ein bisschen vor dem Spiegel üben. Du willst doch nicht auf dem Heimweg kleine Kinder erschrecken …“
In diesem Moment wollte ich ihm allzu gerne eine verpassen, da ich seine dummen Kommentare langsam satthatte, besonders, da ich mich furchtbar fühlte und ich wusste, dass ich erbärmlich aussehen musste. Nicht, dass es mir wichtig war, gut auszusehen, nur weil er hier neben mir saß. Obwohl – wenn ich ehrlich zu mir war, kümmerte es mich doch.
Es ärgerte mich umso mehr, dass er mir mit seiner sehnig-muskulösen Statur, den schwarzen Haaren und den dunklen Augen so gut gefiel. Von der Hitze gar nicht erst zu sprechen, die bei seiner tiefen Stimme mit dem leichten Akzent in meinem Körper aufwallte.
„Mhm … du bist so witzig“, war trotzdem alles, was ich zustande brachte. Mehr ließ meine Verfassung nicht zu, und ich wollte auch nicht, dass er bemerkte, was für eine Wirkung er auf mich hatte.
„Du bist wohl keine dieser Quasselstrippen, oder? Vale – okay. Wenn du nicht willst, rede ich eben …“
Hinter meinem Haarvorhang verdrehte ich die Augen. Der Typ redet wirklich viel. Bevor er seinen Faden wieder aufnahm, bückte er sich zu mir hinunter und versuchte, mir ins Gesicht zu sehen.
„Was ist nun, Princesa? Soll ich dir eine Gartenschere für den Rasen bringen oder dir lieber helfen, deine tollen Haare nicht zu versauen?“
Ich hätte allzu gerne lauthals protestiert und ihn zum Teufel gejagt. Aber, als ich mich ruckartig aufsetzte, um ihm meine Meinung zu geigen, bewegte sich mein Mageninhalt abrupt  in Richtung des oberen Ausganges, sodass ich nur noch gehetzt antworten konnte: „Nenn mich NICHT Princesa! Und … Oh Gott, nein … schnell … ich …“
Damit war es auch schon passiert. Rafael schaffte es gerade noch, meine Haare zu erwischen und in meinem Nacken zusammenzuhalten. Doch bevor er sich selbst aus dem Schussfeld retten konnte, traf ein Schwall seinen linken Schuh.

Als das Würgen endlich vorüber war, nahm ich beschämt ein Taschentuch an, das er mir ohne jeglichen Kommentar reichte. Mit einem anderen Taschentuch versuchte er, den Schuh zu säubern, während er in einer mir fremden Sprache leise vor sich hin fluchte. Nachdem ich mich gesäubert hatte, unterbrach ich seine unverständliche Schimpftirade mit dünner Stimme.
„Rafael. Es tut mir furchtbar leid.“
Mir war das alles unfassbar peinlich. Das schlechte Gewissen überkam mich erneut und verschluckte mich wie eine riesige Welle. Ich hob vorsichtig meinen Kopf, gerade so weit, dass ich ihn anblicken konnte.
„Danke, dass du meine Haare vor der Sauerei gerettet hast.“
Mein Blick fiel hinunter auf seine Beine. „Aber … dein Schuh … Ich wollte das wirklich nicht. Es tut mir unendlich leid. Ich bezahle dir die Reinigung oder noch besser … ich kauf dir neue. Versprochen!“
Sein Gesicht konnte ich nicht richtig erkennen, ich sah nur schwach die dunklen Augen, die mich in der finsteren Nacht musterten.
„Ist schon okay. War ja keine Absicht … hoffe ich zumindest.“
Dabei zwinkerte er mir zu, und ich erkannte zu meiner Überraschung nicht den geringsten Groll mir gegenüber. Er blickte ebenfalls auf den verschmutzen Schuh.
„Ehrlich, es macht nichts. Ich war zu langsam. Ich hätte ja auch andere Schuhe – und nicht meine Lieblingsschuhe – zu dieser Feier anziehen können. Meine Schuld.“
Seine Stimme war ruhig und ohne Anklage. Aber der Inhalt seiner Worte drang, trotz meines alkoholisierten Zustandes, zu mir durch. Beschämt blickte ich erneut auf die Schuhe – blaue Sneakers mit leuchtend grünen Schnürsenkeln – keine teure Marke. Sie sahen zwar neu aus, aber das war auch schon alles.
Jeder andere wäre fuchsteufelswild geworden oder hätte mich wild beschimpft, aber das blieb alles aus. Stattdessen blieb er gelassen und war noch immer freundlich, geradezu unerträglich nett. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich wusste nur, dass ich es wiedergutmachen musste. Egal, wie.
„Darf ich dir wenigstens ein bisschen Geld geben, damit du sie zur Reinigung bringst? Ich hab wirklich ein schlechtes Gewissen. Immerhin bin ich der Übeltäter, und du hast mir nur geholfen.“
Obwohl sein Mund noch immer freundlich lächelte, nahm seine Stimme eine unnachgiebige Härte an.
„Nein, lass nur. Meine mamá ist Putzfrau, wie du weißt, daher bekommt sie das bestimmt hin. Außerdem hab ich mir die Schuhe mit meinem selbst verdienten Geld gekauft, und ich werde mich auch jetzt darum kümmern. Trotzdem … Danke!“
Ich spürte, dass hier männlicher Stolz im Spiel und dieses Thema damit für ihn beendet war. Generell neigte ich zur Hartnäckigkeit und hätte ihm deswegen normalerweise noch länger in den Ohren gelegen, aber da die Übelkeit noch immer präsent war, beließ ich es dabei.
Sichtlich zufrieden, in der Sache das letzte Wort gehabt zu haben, war seine Laune nach einer kurzen Pause, in der wir beide schweigend seine Schuhe musterten, wieder so gut wie zuvor, und ich konnte sein spitzbübisches Lächeln erahnen.
„Ich denke, das war das Zeichen, uns auf den Nachhauseweg zu machen. Komm, ich bring dich heim. Immerhin haben wir fast den gleichen Weg.“
Er zwinkerte mir zu, und sein Lächeln vertiefte sich.
„Danke für deine Hilfe. Es tut mir leid … nicht nur das mit dem Schuh, sondern auch wegen heute Nachmittag. Aber darf ich dich etwas fragen?“
Ich hielt den Blick gesenkt und wunderte mich über die Unsicherheit, die ich bei meinen Worten fühlte.
„Warum bist du so nett zu mir, nachdem ich mich dir gegenüber heute so grauenhaft verhalten habe?“
Seine Antwort kam nicht sofort. Er ließ sich Zeit, wohl, um darüber nachzudenken, als ob er selbst nach einer Erklärung suchen musste. Die Sekunden verstrichen für mich wie eine Ewigkeit.
„Ich bin kein Mensch, der lange nachtragend ist. Dafür ist das Leben zu kurz. Außerdem denke ich, dass du es wert bist, eine zweite Chance zu bekommen.“

Mit so einer offenen Antwort hatte ich nicht gerechnet, und meine Kinnlade sackte nach unten. Schon alleine deswegen, weil er mich überhaupt nicht kannte und ich mich, oberflächlich betrachtet, nicht als die netteste Person präsentierte. Warum interessierte er sich plötzlich für mich?
Aber ich hielt meinen Mund, da ich sowieso viel zu verdattert war, um etwas zu erwidern. Außerdem war ich nicht sicher, ob ich seine Antworten auf meine Fragen hören wollte. Schließlich hauchte ich ein „Danke“, von dem ich nicht sicher war, ob er es gehört hatte.

Ohne ein weiteres Wort stand er auf einmal vor mir und zog mich mit einer Hand hoch, bevor ich protestieren konnte. Dabei legte er meinen Arm um seine Schulter und seinen um meine Hüfte, um mich zu stützen. Obwohl ich noch immer leicht benebelt war, spürte ich trotzdem zu deutlich seinen warmen Körper an meiner Seite. Seine Berührungen trafen mich wie ein Blitz, das Prickeln, das sie auslösten, war ganz und gar nicht unangenehm.
Ich ärgerte mich und beschimpfte mich im Stillen, da ich nicht wollte, dass mein Körper auf diese eindeutige Weise auf ihn reagierte. Dafür regte er mich zu sehr auf und brachte mich mit seinen Kommentaren viel zu gerne zur Weißglut. Aber trotz meines gedanklichen Widerstands konnte ich nichts daran ändern.

Das Kribbeln auf meiner Haut hielt an, wie widerspenstige Ameisen, die ohne Pause auf– und abliefen. Mein Körper erzitterte kurz, und ich biss mir auf die Unterlippe, in der Hoffnung, dass er es nicht bemerkt hatte. Aber Rafael blickte bereits besorgt auf mich herab. Jegliche Belustigung war aus seinem Gesicht verschwunden.
„Du zitterst. Ist dir kalt? Willst du meine Jacke haben?“
Klasse! Ich zappelte seinetwegen so auffällig, dass sogar er es bemerkt hatte, und ich fragte mich, wie tief ich, oder besser gesagt mein verräterischer Körper, noch sinken konnte. Seine Jacke überzustreifen, in der er noch steckte, die von seinem Körper erwärmt war und nach ihm roch, war daher das Letzte, das ich jetzt tun wollte. Meine Stimme klang sogar in meinen eigenen Ohren belegt.
„Nein danke. Mir ist nicht kalt. Außerdem hab ich meine Lederjacke, und du erkältest dich sonst noch, wenn du deine Jacke ausziehst. Ich schulde dir schon genug. Lass uns einfach ein Taxi suchen und nach Hause fahren.“
Sein Griff verstärkte sich, während er an meinem Arm auf und ab strich, um mich zu wärmen.
„Vale, wie du willst. Das lässt sich machen.“
In dem Moment überkam mich eine ungewohnte Welle der Dankbarkeit, und, ohne es stoppen zu können, sprudelte es aus mir heraus.
„Danke. Du bist wirklich nett. Wenn du willst, kannst du … Also, ich bin Vic … Für meine Freunde … also, wenn du willst … Du musst aber nicht …“
Ich stammelte wie ein Junkie auf Drogen und hätte mich dafür in den Hintern treten können.
Aber er nickte und antwortete mit einem Schmunzeln. „Danke, Vic.“
Nachdem wir in Stille ein Stück gegangen waren, kamen wir an vom Wind raschelnden Büschen vorbei. Auf der Stelle blitzte die Erinnerung von vorhin auf. Sofort fragte ich, ohne nachzudenken, forscher und anklagender als beabsichtigt: „Was machst du eigentlich heute Abend hier?“
Gekränkt sah er auf mich hinab, und ich spürte, wie sich sein Körper neben mir verspannte.
„Wieso? Warum fragst du? Ich gehe auch auf diese Schule. Nur weil ich nicht die gleichen Markenklamotten trage wie ihr reichen Kids, bedeutet das nicht, dass ich nicht auch zur Feier kommen kann.“
Ungeduldig schüttelte ich den Kopf.
„Das weiß ich doch! So meine ich das nicht. Nur, ich habe dich auf solchen Veranstaltungen noch nie gesehen. Ich wundere mich, wegen wem oder warum du heute hier bist.“
Nun bemerkte ich, wie sich seine Muskeln wieder entspannten. Offensichtlich fühlte er sich geschmeichelt und dachte wohl, ich erhoffte mir nun eine spezielle Antwort von ihm. Typisch Kerle.
„Vielleicht ist es an der Zeit, aus meinem Schneckenhaus zu kommen, um die Welt zu entdecken?“
Ich blickte ihn von der Seite aus an und konnte ein schiefes Lächeln erkennen. Anscheinend hatte er auf Flirtmodus umgeschaltet, und ich hätte zu gerne die Augen verdreht oder den Kopf geschüttelt. Aber seine Antwort genügte mir nicht. Ich wollte mehr wissen.
„Kannst du auch ernst sein? Wie lange warst du schon draußen, bevor du zu mir gekommen bist? Hast du mich eine Weile beobachtet, oder bist du direkt zu mir gegangen?“
Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Was meinst du? Soll das ein Verhör werden?“
„Verdammt! Jetzt antworte einfach! Hast du etwas gehört oder jemanden gesehen, als du aus der Sporthalle gekommen bist?“
Er seufzte tief. „No, hab ich nicht. Es war mir drinnen zu stickig, und, nachdem ich ein paar Schritte gegangen bin, hab ich dich auf der Bank gesehen. Das war alles. Willst du mir vielleicht etwas erzählen, Princesa?“
„Nein … Ich … Ich hab gedacht, ich hätte jemanden gesehen. Aber ich muss mich getäuscht haben. Vergiss es einfach.“
Trotzdem konnte ich mich nicht vollkommen beruhigen und dieses eigenartige Gefühl abschütteln. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber ich konnte nicht mit dem Finger darauf zeigen. Die restliche Strecke hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Bis er den Arm ausstreckte und auf ein Auto zeigte.
„Dort steht ein Taxi. Dann hätten wir es fast geschafft. Gehts dir besser?“
Wieder versuchte ich mich an einem Lächeln, obwohl es mir immer noch schwerfiel, aber ich biss die Zähne zusammen. Er musste nicht wissen, wie elend ich mich tatsächlich fühlte.
„Danke, alles gut. Lass uns bitte schnell nach Hause fahren.“
„Vale, wie du willst“, war das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, als wir in das Taxi einstiegen und die Dunkelheit mich holte.

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[Glasgow RAIN] 1 Kapitel

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1. Erster Blick

„Liebe auf dem ersten Blick
ist ungefähr so zuverlässig wie
Diagnose auf den ersten Händedruck.“
(George Bernard Shaw)

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Mit einem Knall, der durch das ganze Haus hallte, schlug ich die Schlafzimmertür hinter mir zu und schloss sie mit einer geübten Handbewegung ab.
„Victoria! Mach sofort die Tür auf! Diese Diskussion ist noch nicht beendet“, brüllte mein Vater, während er mit der Faust so hart gegen die Tür hämmerte, dass das Holz ächzte. Ich zuckte zurück und war froh, dass die Tür zwischen uns war, jetzt, wo er seiner Wut freien Lauf ließ. So schnell, wie das ungute Gefühl kurz in meiner Brust aufflammte, so rasch verschwand es auch wieder. Müdigkeit erfasste mich, und ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand, ließ den Kopf zurückfallen und schloss die Augen. Kopfschmerzen kündigten sich an. Heftige, stechende Kopfschmerzen hinter dem rechten Auge – wahrscheinlich verursacht durch unseren Streit, den wir seit einigen Minuten, die mir aber wie Stunden vorkamen, führten.

Angefangen hatte alles mit der letzten Party, auf der ich seiner Meinung nach zu lange geblieben war. Mein alter Herr hatte ein riesiges Affentheater veranstaltet und wie am Spieß gebrüllt, weil ich nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause gewesen war. Ich hätte um ein Uhr zurück sein sollen, aber ich hatte gewusst, dass es knapp werden würde. Was ich ihm – zu meiner Verteidigung – auch bereits im Voraus angekündigt hatte.

Cailean und ich hatten vor einigen Tagen unseren achtzehnten Geburtstag in der Villa seiner Eltern, den Murdochs, nachgefeiert. Unser beider Geburtstag lag aber genau in den Sommerferien, am 31. August. An sich ein tolles Datum für Poolpartys, aber auch schlecht, da sich zu der Zeit meist alle Freunde in anderen Ländern oder gar anderen Kontinenten befanden.

Nicht nur das Datum meiner Geburt, sondern auch der genaue Zeitpunkt war speziell, was ich schon immer interessant fand. Einerseits, da ich um Punkt Mitternacht zur Welt gekommen war, und andererseits, weil ich während eines ‚Blutmondes‘ geboren wurde. Den Begriff benutzten Fachleute für eine seltene Mondfinsternis, in der der Himmelskörper als kupferrote, mystische Scheibe am Firmament steht. Als ich mich zu dem Thema im Internet schlaumachte, stieß ich dabei auf bizarre Artikel über Sekten, Hexenkreise oder andere Fanatiker. Mich brachte dieser Aberglaube schon immer zum Schmunzeln und zum Kopfschütteln.

Unsere Party hatte – wie erwartet – lange gedauert, war mit hämmernder Musik laut und vor allem auch besonders feuchtfröhlich gewesen. Trotzdem rechnete ich nicht damit, dass es bereits halb sechs am Morgen sein würde, als mich Cailean in ein Taxi steckte, das mich nach Hause fuhr. Um diese Zeit war mein Vater bereits für die Arbeit fertig und schlüpfte gerade in seinen Mantel. Dass ich grün und blass im Gesicht war, verbesserte die Situation nicht besonders, oder dass ich dümmlich wie ein Huhn gackerte und kicherte, bis sich schlussendlich mein Innerstes nach außen kehrte. Ausgerechnet auf seinen maßgeschneiderten Anzug, die Schuhe und die Aktentasche, die hinter ihm stand.

Was ich für eine Millisekunde ganz lustig fand, verlor aber seinen Witz, nachdem ich in sein hochrotes, wütendes Gesicht blickte. Bevor er zu schreien begonnen hatte, pochte die Ader an seinem Hals, und seine Hand hatte gezuckt, als würde ein Faden in ihm reißen und er nach mir schlagen wollen. Aber er hatte es nicht getan – er tat es nie. Zu meinem Glück hatte er sich damit begnügt, lauthals zu schimpfen und mich böse anzufunkeln. Wie so oft, auch wenn ich einmal nicht die missratene Tochter war, die nie an seine hohen Vorstellungen herankam.

Damit konnte ich leben, und ich war es gewöhnt – besonders seit dem Tod meiner Mutter. Doch ich nahm es ihm nie krumm, etwas zu streng zu sein, immerhin musste er sich genauso alleine und verletzt fühlen wie ich. Nicht, dass wir darüber sprachen – so innig war unsere Beziehung nicht. Aber es war nicht nur meine Mutter gestorben, sondern auch seine Frau, die nichts und niemand ersetzen konnte. Weder Geld noch Freunde und noch nicht einmal seine kleine Tochter – oder nun schon eher seine fast erwachsene Tochter.

Deshalb tobte mein Vater erneut und war nicht begeistert über die anstehende Feier am heutigen Abend. Unsere Debatte, ob ich auf die Sommerschlussfeier unserer Schule gehen durfte, dauerte bereits länger, als von mir geplant. Das Fest war seit Jahren Tradition auf der „Highschool of Glasgow“. Es war keine gewöhnliche Party, sondern ein Event, bevor die Schule wieder anfing und der Alltagstrott einen einholte. Außerdem musste man einfach anwesend sein, ob man wirklich wollte oder nicht. Alles andere kam einem sozialen Selbstmord gleich, und den wollte ich in meinem letzten Highschool Jahr nicht begehen.

Wenn ich aber ehrlich zu mir war, wollte ich den Abend lieber zu Hause verbringen, mit einem spannenden Film und einer Schüssel Popcorn im Schoß oder mit einem guten Buch, anstatt mich wieder unnötig zu betrinken. Sicher könnte ich den Abend auch ohne Alkohol verbringen, aber dann würde er weniger Spaß machen, und die Nacht würde nur zur Qual werden – außerdem erwartete man es sowieso von mir. Jeder hatte seine Rolle vorzuführen, und ich spielte meine mit Bravour. Das Netz aus Oberflächlichkeiten gab mir auf bizarre Art Sicherheit und Schutz, da ich mich auf dem Terrain auskannte, das man auch Highschool nannte. Zusätzlich verbarg es meine Gefühle und Gedanken vor den ganzen Ratten und falschen Biestern an der Schule. Was will man mehr?

Um also mein Leben in der Schule wie gewohnt weiterführen zu können, sollte ich mich auf der verdammten Party blicken lassen. Koste es, was es wolle. Und, um das zu erreichen, musste ich wohl oder übel meine Nummer „das arme Kind“ abziehen. Deshalb motzte ich auch nicht „Nenn mich bitte nicht mehr Victoria“ zurück, sondern schluckte die Worte wie zähflüssigen Brei hinunter.

Mein Name hatte mir noch nie gefallen, und alle anderen nannten mich seit Jahren schlicht und einfach Vic. Nur mein Vater weigerte sich und nannte mich beharrlich Victoria. Er selbst hatte diesen Namen ausgesucht, da er eine Vorliebe für diese – seit Ewigkeiten – verstorbene Königin hatte. Andere Männer schwärmten von heißen Schauspielerinnen oder Sängerinnen, mein Dad ausgerechnet für tote Adelige.

Ich schob meinen Unmut beiseite, blies mir eine Strähne aus den Augen und zauberte ein strahlendes, hoffentlich gewinnendes Lächeln auf mein Gesicht, das auch Michelangelo nicht besser hätte malen können. Als ich die Tür öffnete, blickte ich in das vor Ärger gerötete Gesicht meines Vaters, den bekannten und reichen Alistair McKanzie.

Obwohl er schon fünfundfünfzig Jahre zählte, sah er für sein Alter noch ansehnlich und kräftig aus. Wie er da mit breiten Schultern vor mir stand, spürte ich wie immer sein unerschütterliches Selbstvertrauen, das man wohl nur durch ungewöhnlichen Erfolg oder ein großes Vermögen bekommen konnte. Seine blonden, kurzen Haare waren penibel nach hinten gekämmt, mit einer dezenten Andeutung eines Seitenscheitels. Fragend musterten mich seine zusammengekniffenen Augen. Doch er blieb stumm und wartete ab, wie mein nächster Schachzug wohl aussehen würde.

Reumütig und mit taktisch eingesetztem Augenaufschlag brabbelte ich meine Phrase herunter, in der Hoffnung, den Sieg im Streit davonzutragen.
„Dad, es tut mir leid! Ich hätte dich nicht anschreien dürfen. Manchmal bin ich zu aufbrausend und verbeiße mich. Aber das alles ist … auch für mich nicht so einfach. Es ist das letzte Schuljahr und … und sie fehlt mir.“
Meine Stimme brach. Ich schluckte überrascht den Kloß hinunter, der sich bilden wollte, und, wäre es nur eine Show gewesen, hätten mich meine schauspielerischen Fähigkeiten begeistert. Dem war aber nicht so, und deshalb versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Ganz sicher würde ich nach all den Jahren nicht jetzt zu heulen anfangen, schon gar nicht vor meinem Dad.

Als ich die Worte jedoch ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie ehrlich sie gemeint waren. Das war mein letztes Schuljahr, in dem mir meine Mutter hätte beiseitestehen sollen. Genauso, wie bei so vielen anderen Dingen auch, die ich aber alleine herausfinden musste: Wie bekomme ich Kaugummi aus den Haaren, wie putze ich meine Zahnspange richtig, wie tröste ich mich nach dem Tod von Bambis Mutter, oder wie finde ich den passenden BH. Ich hatte so viele Fragen als Kind, als Teenager oder auch jetzt und hätte meine Mum gebraucht – oder einen verständnisvolleren Dad. Aber alle Krisen hatte ich alleine überstanden, und daran würde sich auch in Zukunft nichts ändern, davon musste ich überzeugt bleiben.
Ich atmete ruhig durch, sperrte unerwünschte, schwache Gefühle tief in mir ein und redete rasch weiter.
„Außerdem weißt du, dass alle von der Schule dort sein werden und ich ebenfalls dabei sein muss. Nach Mums Tod bin ich schon einmal das Gesprächsthema Nummer eins gewesen, und ich habe keine Lust, das zu wiederholen. Cailean wird auch dort sein. Du magst ihn doch. Also darf ich bitte, bitte auf die Feier gehen?“
Noch bevor ich den Satz zu Ende gesprochen hatte, wusste ich, dass ich ihn in der Tasche hatte. Seine Augen wurden weicher, wie auch sein brummiger Tonfall, der an einen alten Bären erinnerte.
„Victoria, es kann sein, dass ich manchmal zu streng bin und es wirkt, als wolle ich dich einsperren. Aber du machst es mir nicht immer leicht.“
Damit hat er gar nicht so unrecht. Doch diesen Gedanken behielt ich lieber für mich, um ihn nicht zu ermutigen, meine Fehler aufzulisten.
Mit einem strengen Blick fügte er hinzu: „Falls du dich benehmen kannst, darfst du gehen. Sag Cailean, er soll seinen Vater grüßen, ihn an unser Treffen kommende Woche erinnern und ein Auge auf dich haben. Ich will nicht, dass wieder geschwatzt wird.“
Erfreut schaute ich zu ihm hoch.
„Natürlich, danke! Ich werde mich ganz sicher gut benehmen. Pfadfinderehrenwort.“
Er blickte mich einen Moment mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck an, und ich wusste, auch er war sich darüber im Klaren, dass ich nicht ganz so anständig sein würde. Danach drehte er sich um und verschwand in Richtung seines Arbeitszimmers.
Die Freude über den Sieg währte nicht lange, denn gleich darauf stieg Bitterkeit in mir auf, wie Galle, die alles verätzte. Ich wünschte mir, er würde sich wirklich Sorgen um mich machen. Aber ich wusste, dass er sich mehr um das Gerede und die Meinung seiner reichen Freunde sorgte.

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Um von dem trübseligen Gedanken loszukommen, stürzte ich mich in eine andere Welt, in ein fantastisches Reich voll Träume, Liebe und Hoffnung – in mein Lesezimmer.
Die Tür zu dem kleinen Raum befand sich zwischen meinem rosa-weißen Himmelbett und dem weißen Schminktisch und gab den Weg in meinen „Träumereibereich“ frei. Hier erlaubte ich mir, mich fallen zu lassen und in die faszinierende Welt unzähliger Geschichten zu versinken. An Träume und Hoffnungen zu glauben, die ich mir im normalen Leben verbot. Lebte bei unzähligen Figuren und ihren Kämpfen mit, fieberte mit den verschiedensten Liebespaaren oder lachte mit den Narren – alle Figuren und alle Bücher gaben mir Hoffnung auf mehr Sinn im Leben, Zuversicht und Trost in bitteren Stunden. Hier war ich offen und frei – und hier durfte auch sonst niemand hinein.

An zwei Seiten meines kleinen Reiches befanden sich hohe Bücherregale, die bereits zu drei Viertel gefüllt waren. Ich strich mit den Fingerspitzen über den Rücken lieb gewordener Bücher und kuschelte mich dann auf die Couch direkt vor das Fenster, das durch blaue und violette Vorhänge verdunkelt wurde. Ich begann, in einem Buch zu lesen, konnte mich aber nicht konzentrieren. Daher stand ich auf und nahm die losen Zettel mit Ideen und Geschichten in die Hand, die über den ganzen Tisch neben der Couch verstreut lagen. Ich war so unruhig, mein Bauch verkrampfte sich, und meine Haare fielen mir ständig ins Gesicht. Das ging so lange, bis ich sie genervt schnappte und zu einem Pferdeschwanz band.

Die Party lag mir schwer im Magen, doch mir blieb nichts anderes übrig, als hinzugehen. Denn ich konnte mich noch zu gut daran erinnern, wie es war, in der Schule eine Außenseiterin zu sein. Besonders schlimm war die Zeit gewesen, nachdem ich mit zehn Jahren an meine jetzige Schule wechselte und nach einem halben Jahr alle vom tragischen Tod meiner Mutter erfuhren. Vorher war ich „normal“ und eine unter vielen gewesen, ohne aufzufallen, was mir ganz recht war. Aber danach wurde ich schief angesehen und gemieden, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte. Auch von Mädchen wie Cecilia oder Bethany, die vorher meine Freundinnen gewesen waren. Oder zumindest hatte ich das gedacht. Dabei waren die Blicke nicht das Schlimmste gewesen, sondern das gemeine Getuschel – als wäre ich taub und hätte es nicht hören können. Es war eine bittere Zeit ohne Freunde gewesen, aber das Gute daran war, dass ich aus ihr gelernt hatte und nun wusste, wie man sich auf sich selbst verließ.

Als es Zeit wurde, mich schick zu machen, ging ich zum Duschen in das angrenzende Badezimmer. Die nachtschwarzen Marmorböden und das weiße Waschbecken glänzten mit den polierten, goldverzierten Armaturen um die Wette. Länger als nötig stand ich unter dem Wasserstrahl und genoss ausgiebig die wohlige Wärme, die mir meist nur in den Momenten unter der Dusche vergönnt waren. Hier im Norden war nicht nur das Wetter eisig, auch das Gefühl in mir war kalt wie feuchter Nebel, der sich viel zu oft durch Glasgow schlängelte und sich auch vom ständigen Regen nicht vertreiben ließ.

Fluchend hüllte ich mich in ein zu kleines Badetuch, welches mir gerade einmal über die Brust bis knapp unter das Hinterteil reichte. Wie schon häufiger in den letzten Wochen fehlten die großen Badetücher. Ich runzelte die Stirn, als ich mich nach dem Grund fragte. Einerseits empfand ich es als äußerst unangenehm, halb nackt durch den Flur zu laufen. Andererseits stachelte es meine Neugierde an, da so etwas normalerweise nie vorkam und Mrs Rodriguez, unsere Hausangestellte, immer einen einwandfreien Job machte.
Irgendetwas war anders – die fehlenden Badetücher, die anders zusammengefaltete Wäsche, Kleidung auf einem falschen Stapel. Ich nahm mir vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Fröstelnd und mit nassen Haaren flitzte ich in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir, völlig in Gedanken bei dem ungelösten Problem mit den Badetüchern. Als ich mich umdrehte und gerade mein knappes Handtuch lösen wollte, lief ich ungebremst gegen etwas – steinhart, aber trotzdem weich, groß, angenehmer Geruch. Plötzlich hörte ich einen Fluch aus einer männlichen Kehle, was mich in die Wirklichkeit zurückholte.

„Aua! Verdammt!“
Mit hämmerndem Herzen machte ich einen Sprung zurück und schaute in ein überraschtes, wie auch schmerzverzerrtes Gesicht. Mein Puls raste nur noch schneller, als ich in die großen, tiefschwarzen Augen blickte, die mich jetzt nicht mehr überrascht, sondern eher verschmitzt ansahen. Bevor ich etwas fragen konnte, plapperte der Typ, der mir beinahe einen Herzinfarkt beschert hätte, gutgelaunt los.
„Ich hab ja gewusst, dass man bei der Arbeit mit allem rechnen und sich versichern lassen sollte, aber von speziellen Unfallversicherungen für das Trampeln auf den großen Zeh habe ich noch nichts gehört. Ich dachte schon fast, der wäre gebrochen.“

Noch immer sah ich den Kerl vor mir wie in Trance an, obwohl ich ihn kannte. Nur hatte ich ihn bisher noch nie so nah und vor allem so genau angesehen. Seine Haare waren wie die Augen, fast schwarz wie die Nacht, aber mit einem dunkelbraunen Schimmer, und hingen ihm leicht gewellt und zerzaust in die Stirn und über die Ohren.

Ich wusste, dass er Rafael hieß und gemeinsam mit seiner Mutter, Mrs Rodriguez, im Angestelltenhäuschen am Rande unseres Grundstückes wohnte. Sie war unsere Haushälterin, und das bereits seit Jahren, doch das bedeutete in unserer Welt noch lange nicht, dass Rafael und ich Freunde waren oder irgendetwas miteinander zu tun hatten. Seine Mutter arbeitete für meinen Dad, aber was hatte ihr Sohn in meinem Zimmer zu suchen? Erneut riss mich seine Stimme aus den Gedanken.

„Princesa, wenn du jetzt hoffst, dass ich dir die Kleider – oder in deinem Fall das Badetuch – herunterreiße, um … na ja, du weißt schon was zu tun …“
Er unterdrückte ein Lächeln und tat sich sichtlich schwer, ernst zu klingen.
„… dann verlange ich aber eine Gehaltserhöhung für außerordentliche Dienste während der Arbeitszeit.“
Er hielt das anscheinend für äußerst komisch. Sein Grinsen wurde breiter und zeigte mir strahlend weiße Zähne hinter vollen Lippen. Unter normalen Umständen hätte ich ihm bereits eine schnippische Antwort entgegengeschleudert, aber ich hatte aus mir undefinierbaren Gründen die Stimme verloren. Was mir nie passierte, egal, wie heiß ein Typ auch aussah. Aber in diesem Augenblick schien alles andere zu verblassen, und ich konnte nur noch in seine dunklen Augen sehen. Sie waren derart bodenlos, dass es mich hätte beunruhigen sollen. Doch sein durchdringender Blick nahm mich gefangen und schmiegte sich wie eine warme Decke um meinen ausgekühlten Körper – so, als würde er wirklich mich sehen. Was mich am meisten an der Situation bestürzte, war die Tatsache, dass ich ihn schon so lange aus der Ferne kannte, aber er mir nie aufgefallen war. War ich so selbstverliebt und ichbezogen? Oder hatte sich in seinem Blick mir gegenüber etwas verändert?

Obwohl Rafael mit seiner Mutter in der Nähe wohnte, hatten wir noch nie ein längeres Gespräch geführt. Mrs Rodriguez war einige Wochen nach dem Tod meiner Mutter eingestellt worden, und in dieser Zeit hatte ich keinen Gedanken an andere verschwendet, sondern war in Trauer und Selbstmitleid verfallen. Als ich später mit ihm spielen wollte oder Mrs Rodriguez nach ihm fragte, vertröstete sie mich immer oder entschuldigte sich höflich. Irgendwann gab ich es dann auf, einen Spielgefährten in ihm zu suchen.

Über die Jahre blieb es bei kurzen Begrüßungen, wenn wir uns zufällig begegneten. Das war an sich seltsam, wenn man bedachte, dass Rafael sogar an der gleichen Schule war. Doch dort war ich nicht die Einzige, der er aus dem Weg ging. Er befand sich immer abseits, redete kaum mit jemandem, tippte lieber auf seinem Handy und hatte, soweit ich wusste, nur Freunde außerhalb der Schule. Um mein zeitweise aufflackerndes Schuldgefühl zu dämpfen, redete ich mir erfolgreich ein, dass er uns reiche Kids sowieso nicht leiden konnte. Zu meiner Schande musste ich auch gestehen, dass ich mir in den letzten Jahren nie viele Gedanken über ihn gemacht hatte, sondern nur darüber, wie seine Mutter das Schulgeld für ihn aufbringen konnte. Wir waren wie zwei Planeten, die zwar in der gleichen Umlaufbahn schwebten, sich aber nie trafen.

Bis heute – als hätte das Schicksal einen anderen Plan für uns. Denn nun standen wir hier in meinem Zimmer – ich halb nackt, er mit Schmerzen – und führten unser erstes, wenn­gleich auch einseitiges Gespräch. Mit amüsierter Stimme sprach er weiter und überbrückte das peinliche Schweigen.

„Kannst du auch reden, oder bist du nur zur Deko hier?“
Noch immer blickte ich ihn verdattert an und konnte meine Erstarrung nicht lösen, obwohl ich wahrscheinlich schon wie eine Bekloppte aussah und den Eindruck machen musste, als sähe ich das erste Mal einen Menschen.
Sein Lächeln verblasste, und er fuhr sich durch die Haare, um sich Strähnen aus dem Gesicht zu wischen, die ihm in die Augen hingen. Doch seine offensichtliche Ratlosigkeit aufgrund meines stummen Verhaltens hielt ihn nicht davon ab, weiterzuschwafeln.
„Also irgendwie machst du mir langsam Angst. Ich weiß, dass ich recht passabel aussehe, aber so wie du hat mich noch niemand angestarrt. Ehrlich gesagt schaust du so aus, als hättest du noch nie einen Mann gesehen.“

Verdammt! Ich stand komplett neben mir. Aber eigenartigerweise kam es mir tatsächlich so vor, als würde ich zum ersten Mal jemanden wie ihn sehen. Er sah exotisch aus und passte rein äußerlich gar nicht zu den Menschen im rauen Klima Schottlands. Die Leute hier waren blass, hatten helle Augen, helle Haut und meist blonde, rote oder hellbraune Haare. Doch er wirkte deplatziert mit seinen dunklen Haaren und der gebräunten Haut, die eher an einen ‚Latin Lover’ erinnerte, als an einen schottischen Naturburschen.
Eine Augenbraue hochgezogen, holte er mich wieder aus meinen Gedanken.
„Princesa, du weißt schon, dass ich nur Spaß gemacht habe, sí? Ich reiß dir schon nicht die Kleider vom Leib. Das würde ich bei dir nie machen.“
Interessant! Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und hob ebenfalls eine Braue. Schnell wedelte er beschwichtigend mit den Armen und setzte hastig fort: „Nicht, dass du hässlich wärst und ich nicht wollte. Ich würde es tun … wirklich … wenn … Ich meine, du …“
Schnell rieb er sich über den Nacken, als könnte das helfen, den Kopf aus seiner Schlinge zu befreien.
„… du bist hübsch … wirklich, sogar sehr … niemand würde dich von der Bettkante schubsen.“
Er stieß kurz Luft aus, als wäre er einen Marathon gelaufen. Dann versuchte er es wieder mit einem Lächeln, das so entwaffnend charmant war, dass mir der Atem stockte, und das sogar vorsichtige, alte Frauen dazu bringen würde, ihm ihr ganzes Erbe zu vermachen.

Langsam wurde mir das alles zu viel. Nicht nur sein Verhalten oder die Sprüche, sondern mein eigenes untätiges Herumstehen. Ich hatte meine Gefühle sonst immer im Griff und ließ mich nicht zügellos von ihnen führen, sondern umgekehrt. Aber er war wie ein Wirbelsturm über mich und meine Regeln hinweggefegt, und das musste enden – sofort.
Beschämt von meiner eigenen untypischen Reaktion und getrieben durch die Hitze, die in meinen verräterischen Wangen aufstieg, machte ich das Einzige, das mir in den Sinn kam, um dieser Situation einigermaßen würdevoll zu entkommen. Geschürt durch Wut auf ihn oder besonders auf mich, setzte ich zum Angriff an und fauchte, so verächtlich, wie es mir möglich war.
„Ganz ruhig mit den jungen Pferden, Casanova!“
Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, und meine Stimme wurde lauter.
„Was bildest du dir ein? Lauerst mir in meinem Zimmer auf, um was weiß ich zu tun, und dann kommst du auch noch mit so blöden Sprüchen?“
Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden, und es tat äußerst gut, sie zu hören. Besonders, als ich beobachtete, wie seine Augen immer größer wurden. Richtig in Fahrt gekommen, sprudelte meine aufgestockte Scham als Zorn aus mir heraus, und ich schrie beinahe, um meine eigene Unfähigkeit zu vergessen.
„Was zur Hölle machst du eigentlich in meinem Zimmer? Spionierst du herum, oder warst du gerade dabei, mir Sachen zu klauen?“
Schlechtes Gewissen regte sich sofort in meinem Inneren, nachdem ich die verletzenden Worte ausgesprochen hatte. Aber ich unterdrückte es und hielt meinen Blick fest auf ihn gerichtet. Zischend stieß er die Luft aus und spannte seine breiten Schultern an, sodass er fast vibrierte. Der Knoten in meinem Magen verhärtete sich. Abneigung mischte sich in seine vorhin noch lockende, tiefe Stimme.
„Das ist Schwachsinn! Ich würde nicht mal auf die Idee kommen, hier etwas anzufassen! Ich habe gearbeitet und habe gerade die frische Wäsche nach oben in Ihren Schrank gebracht.“
Sie mal einer an. Jetzt war ich kein Mädchen mehr, das man ausziehen konnte, sondern eine Frau, die er mit Sie ansprach. Dieses Spiel konnten auch zwei spielen, wenn er es darauf anlegen wollte. Mit herablassendem Tonfall und erhobenem Kinn formulierte ich meine Retourkutsche.
„Gut, wenigstens eine sinnvollere Tätigkeit, als jungen Frauen nachzustellen. Trotzdem würde es mich interessieren, ob mein Vater weiß, dass Sie für ihn arbeiten? Haben Sie irgendeine Erlaubnis? Soweit ich weiß, ist Ihre Mutter bei uns angestellt und sonst niemand. Da gibt’s doch sicher irgendwelche Vorschriften.“

Nicht, dass ich meinem Vater auch nur ein Wort sagen würde – ich war keine Petze, und ich würde ganz bestimmt nicht zu meinem Daddy laufen – aber das musste Rafael ja nicht wissen. Das hier war ein Spiel, das ich beabsichtigte zu gewinnen, nachdem der Start schon so miserabel gewesen war. Kurz verzog er seine Lippen, zuckte mit einem Lid, bevor sich sein Körper langsam wieder entspannte. Er musste ebenso bemerkt haben, dass die Situation gefährlich gekippt war, und er wirkte, als ob er jedes weitere Wort mit Bedacht wählen würde.
„No, es tut mir leid. Die Einwilligung Ihres Vaters habe ich nicht, also nicht offiziell.“
Er trat von einem Bein auf das andere, als suchte er nach der richtigen Erklärung.
„Es ist nur so, dass ich meiner Mutter manchmal aushelfe, wenn ihr die Arbeit zu viel wird in diesem riesigen Haus.“
Die Verärgerung in seiner Stimme war nicht zu überhören, obwohl er seidenweich schnurrte wie ein Kater.
„Bitte, ich wäre Ihnen, Miss McKanzie, sehr verbunden, wenn Sie es Ihrem Vater nicht erzählen würden, dass ich sporadisch bei der Arbeit helfe. Es sind nur Kleinigkeiten, ich schwöre es. Ich will nicht, dass meine Mum Ärger bekommt.“
Flüchtig sah ich von meinen Fingernägeln auf, die ich zuvor provokativ studiert hatte, und antwortete ihm so kühl es meine Stimme und meine verwirrten Gefühle zuließen.
„Ich werde darüber nachdenken, ob und was ich ihm erzähle.“
Mein Benehmen schien ihn erneut aufzuregen, was ich verstehen konnte – immerhin hatte ich es darauf angelegt, quasi als Retourkutsche. Denn nun ballte er die Fäuste und starrte mich an, als ob er mich erwürgen könnte. Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, um das Grinsen zurückzuhalten, das sich bilden wollte. Einerseits spürte ich unnachgiebig schlechtes Gewissen in mir hochkommen, aber andererseits tat es auch verdammt gut, ihn in die Schranken zu weisen und seinen Höhenritt etwas zu bremsen. Angestachelt durch seine Reaktion, sprudelten die nächsten Gemeinheiten aus mir heraus, bevor ich mich stoppen konnte.

„Bevor Sie gehen, hätte ich aber noch eine Frage. Kann es sein, dass Sie erst seit Kurzem bei der Arbeit helfen?“
Dabei klang ich wie eine dieser typischen, reichen Tussen, die ich von den früheren Besuchen aus dem Country Club kannte und verachtete. Erst vor zwei Jahren schaffte ich es, mich bei meinem Dad durchzusetzen, sodass er mich nicht mehr dorthin mitschleppte.
„Mir ist nämlich aufgefallen, dass nun schon öfter die großen Badetücher fehlen. Kümmern Sie sich besser darum, wenn Sie mich um irgendeinen Gefallen bitten wollen.“
Wie eine filmreife Diva trat ich einen Schritt beiseite und deutete mit dem Kinn auf die Tür.
„Das ist alles. Wenn Sie jetzt bitte mein Zimmer verlassen würden.“
Sein Anblick war ein Bild für Götter. Die Hände waren noch immer zu Fäusten geballt, die Unterarme fest angespannt, wodurch man die Muskeln zucken sah, und die Schultern waren steif. Mit zusammengebissenen Zähnen eilte er zur Tür, und seine Stimme klang eisig, als er mir antwortete: „Sí, natürlich, Miss McKanzie.“
Dann nahm er Reißaus und stapfte den Flur entlang. Trotzdem konnte ich sein leises Gemurmel hören.
„Ja, Eure Hoheit, ganz zu Euren Diensten. Dann werde ich auch gleich die Pferde satteln und Eure Kronjuwelen polieren …“
Der Rest wurde durch die Distanz verschluckt, und es blieb ein verächtliches Schnauben in der Luft zurück, als sein dunkler Haarschopf die Treppe hinunter verschwand. Sehr gut, den Typen hatte ich in die Flucht geschlagen, und würde ich wohl länger nicht mehr sehen – gemeinsam mit den irritierenden Gefühlen, die er in mir ausgelöst hatte und die ich nicht gebrauchen konnte. Eigentlich wollte ich die Tür zum zweiten Mal am heutigen Tag hinter mir ins Schloss knallen, aber meine zittrigen Finger schlossen sie gespenstisch leise.

Jetzt, wo er weg und unsere hitzige Diskussion zu Ende war, griff wieder die Kälte nach mir, stärker als zuvor. Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen, die ich zu reiben begann, während ich im Zimmer auf und ab tigerte. Immer wieder spielte sich die Szene vor meinem inneren Auge ab. Meine vorhin verspürte Zufriedenheit wich schlechtem Gewissen, und ich wusste, dass ich mich wie eine verwöhnte, dumme Göre benommen hatte.

Aber was hätte ich sonst tun sollen, um ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen und ihn wegzustoßen? Er hatte sich hier eindeutig zu wohl gefühlt, und ich musste doch etwas unternehmen, um ihn aus dem Zimmer zu bekommen. Mit einem tiefen Seufzer fiel ich auf das Bett und vergrub mein Gesicht in den riesigen Daunenpolstern. Egal, aus welchem Grund und wegen welcher Gefühle ich das alles getan und gesagt hatte – mit dieser Aktion hatte ich eindeutig den ersten Preis in der Kategorie „verwöhntes Miststück des Jahres“ gewonnen.

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